„Mach mal die Sommersprossen weg. Die sehen nicht gut aus.“
Dieser Satz stammt nicht von irgendeinem Typen am Tresen, sondern von meiner Oma. Ich hatte bis zu ihrem Tod im vergangen Jahr immer einen engen Draht zu ihr. Ob es daran lag, das ich die erste EnkelTOCHTER der vierfachen Jungsmama war? Peut-être.
Sie war immer für uns Enkel da und wir hatten es stets fein bei ihr. Manchmal war sie in ihrem Wesen etwas einfach, aber dafür sehr herzlich und ehrlich. Ehrlich – diese Eigenschaft traf vor allem auf meine Oma zu. Eins bleibt mir im noch in Erinnerung.
Es war ein schöner Sommertag und ich war mit dem Rad bei ihr auf dem Hof. Wir saßen gemeinsam am Küchentisch, unterhielten uns über dies und das und plötzlich fiel mit einmal dieser Satz: „Mach mal die Sommersprossen weg. Die sehen nicht gut aus.“ Die Aufforderung sprudelte einfach so aus ihr heraus. Ich war damals 14. In Worten vierzehn! Was passiert also, wenn man einer 14-jährigen sagt, sie solle sich die Sommersprossen mal weg machen?
Richtig, zu aller erst erkundigte ich mich unter dem Tisch, ob irgendjemand mein Selbstbewusstsein auf dem Fußboden gesehen habe. Es werde gerade dringend benötigt.
Ich tat also das, was jeder tun würde und verließ die Küche, aber vor allem die unangenehme Situation. In einer Mädchen-Zeitschrift las ich dann, man könne sich mit Zitronensaft die Sprossen bleichen. – Ich frage mich an dieser Stelle, was schlimmer ist: Die Aussage meiner Oma oder der Rat einer Mädchen-Zeitschrift, wie man die Sprossen los werde. – „Schluss jetzt“, entschied ich damals für mich und schilderte die Aussage zuhause. Mein Papa war unfassbar wütend. Er konnte es in dem Moment nicht rauslassen, aber ich sah es in seinen Augen. Nach dreimaligem, schweren Schlucken und tiefen Atemzügen streichelte er mir über den Kopf und sagte, dass es absoluter Quatsch sei und Oma Blödsinn erzähle. Anschließend fuhr er zu meiner Oma und klärte es mit ihr. Wir haben nie wieder darüber gesprochen.
Bis heute.
Heute möchte ich dir, liebe Oma, und all den anderen Menschen da draußen etwas sagen:
Als Frau gehst du durchs Leben und wirst permanent nach deinem Aussehen beurteilt – in der Schule, beim Elternabend, in Magazinen, auf dem Wochenmarkt, beim Sport oder Essen und erst recht bei der Partnersuche. Du weißt sicherlich wie das ist und ich glaube viele Frauen teilen diese Erfahrung mit mir – auch, wenn wir doch alle sehr unterschiedlich sind. Die Gesellschaft erwartet von uns, dass man an sich herumzuppelt, weniger isst, keine Haare hat (außer natürlich auf dem Kopf, bittesehr), mehr Sport macht und ein schmuckes Gesicht ist sowieso nicht von Nachteil. Der Kleidungsstil sollte bitte stylisch und glamourös, aber denn doch irgendwie sportlich zurückhaltend sein.
Liebe Oma, deine Aussagen zu meinen Sommersprossen oder meinem großen Mors, wie mein Hintern gerne betitelt wurde, sind alles Aussagen, die verletzten und keinem helfen. Sowohl dir als auch mir nicht. Sie machen mich nur eins: Traurig.
Traurig, weil ich mich frage, warum mein Aussehen relevant ist, wobei ich doch so viele andere Sachen in meinem Leben gut gemacht habe und gut mache.
Ich bin glücklich verheiratet, wir erziehen gemeinsam ein wundervolles Kind, ich lebe in einem tollen Haus, leiste gute Arbeit und verdiene mein eigenes Geld, aber vor allem habe eine Vision. Ich weiß genau was ich will und wo ich hin will und was die nächsten Schritte sind.
Wenn ich all das so aufschreibe und mir das so bewusst mache, möchte ich nun einmal auch ehrlich mit dir sein, Oma. Es ist egal wie du aussiehst. Wichtig ist, dass du glücklich bist.“
Ich wünschte, du könntest das Glück, das wir haben noch miterleben. Du fehlst.
Glückliche Grüße,
deine Julia
und eure Deichdeern.
