Hofsafari: Corinna und ihr Abenteuer Heimat

Corinna ist 33 Jahre alt und wohnt  mit ihrem Mann, ihrer Tochter und dem Opa auf einem Bauernhof im Herzen Westfalens. Eigentlich ist sie Theologin und arbeitet an der Uni als Dozentin. Wenn sie dort nicht ist, versucht sie zuhause mitzuhelfen oder mit ihrer Tochter den Hof zu erobern. Besondere Schätze und Abendteuer auf ihrem Hof verblicht sie auf hofsafari.de.

Wie kamst du auf die Idee deinen Blog Hofsafari zu gründen?

Als wir von der Stadt zurück aufs Land gezogen sind, um dort nebenberuflich die Landwirtschaft auf dem elterlichen Hof meines Mannes wieder aufleben zu lassen, fanden das die Freunde und Arbeitskollegen aus der Stadt irre spannend. Sie haben mich Löcher in den Bauch gefragt. Mutterkuhhaltung ist für Theologen an der Uni ungefähr so exotisch wie der Pinguin im Zoo. Ich habe gemerkt, dass sie so überhaupt keine Idee davon haben, was wir da treiben. Ständig diese Frage, warum wir unsere Kühe nicht melken…Nüchtern betrachtet, war also ein Bedarf da.  Anfangs bin ich immer noch zur Arbeit in die Stadt gependelt. Ich hatte das Gefühl zwischen zwei Leben zu Switchen. Das hat mir eigentlich ganz gut gefallen, aber manchmal waren die Brüche schon sehr hart und ich musste abends selber lachen, was für verrückt unterschiedliche Dinge ich den Tag über getan habe. Gerne hätte ich darüber geschrieben, aber es fehlte die Zeit. Dann wurde ich krank und ich hatte mehr Zeit als mir lieb war. Aber auf diese Weise konnte ich mich mit der Erstellung des Blogs beschäftigen und nun möchte ich ihn nicht mehr missen.

Bei Safari denke ich an Löwen und Giraffen. Gibt es die bei dir auch?

Noch nicht, aber ich halte alles für möglich. Wir sind da sehr offen, was die Entwicklung unseres Hofes angeht. Grundsätzlich interessiere ich mich aber eher für die heimischen Tiere. Gerne auch alte Haustierrassen. Ich mag das Ursprüngliche und auf den ersten Blick wenig Spektakuläre. Oft verbirgt sich hinter dem, was wir glauben zu kennen, noch ganz viel spannendes Neues. Das Abenteuer Heimat eben.

Bauernhofpädagogik klingt exotisch. Was versteckt sich hinter dem Namen? 

Es geht darum den Bauernhof erfahrbar zu machen für Kinder und Erwachsene. Die meisten Menschen haben heute keinen Kontakt zur Landwirtschaft. Warum auch? Dadurch wurde allerdings das Unwissen über die Kreisläufe in der Natur immer größer. Viele möchten das ändern und ihren Kindern zeigen, wo das Essen her kommt, welchen Einfluss die Jahreszeiten auf die Pflanzen haben und was im Boden alles lebt. Diesem Wunsch gehen wir auf unserem Hof mit einem bauernhofpädagogischen Angebot nach. Kinder können regelmäßig zu uns kommen und den Bauernhof erleben.

Was treibt dich persönlich zu bloggen?

Am Anfang habe ich nur für mich und Bekannte geschrieben, nach dem Motto irgendwo müssen die Gedanken ja hin. Mittlerweile wird das Interesse immer größer. Das freut mich natürlich und ich überlege mir schon, was ich gerne mitteilen möchte. Was gibt es in dieser Jahreszeit spannendes mit Kindern in der Natur zu entdecken oder was passiert gerade in der Landwirtschaft? Ich will da gar nicht belehren, sondern nur Ideen geben und ein bisschen Anregen. Die Hofsafari findet zwar immer auf einem Bauernhof statt, aber die meisten Dinge über die ich schreibe, kann jeder vor seiner Haustür finden. Man muss gar nicht weit reisen um Entdecker werden zu können.

Wo siehst du dich und deinen Blog in drei Jahren und was möchtest du erreichen?

In drei Jahren soll mir das bloggen immer noch so viel Spaß machen wie heute. Außerdem würde ich mich darüber freuen, wenn ich vielen Menschen Impulse gegeben habe mit ihren Kindern die Natur zu entdecken (oder auch ohne Kinder, einfach selber). Und ich möchte noch mehr landwirtschaftliche Themen unterbringen – mit einer Schleife drum herum. Der Gedanke gefällt mir ganz gut.

Danke Corinna. Alles Liebe für Dich! Deine Deichdeern.

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Fotos: Corinna Baumhoer, hofsafari.de

Grünes Start-up: Junglandwirtin eröffnet Schafskäsemanufaktur

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„Wenn ich mit dem Studium fertig bin, gehe ich erstmal ins Ausland oder zumindest in die Großstadt“, so der Tenor zahlreicher Uniabsolventen. Es gibt aber auch eine kleine, aber feine Bewegung, die gegen den Urbanisierungstrend anschwimmt. Lena Martensen gehört zu dieser „Spezies“. Die 30-jährige Jungunternehmerin aus Tettwang/Achtrup sieht ihre berufliche Zukunft in ihrer Heimat Nordfriesland und macht aus ihrem Hobby, der Schafhaltung, ihren Beruf. Zusammen mit ihr und ihrem Partner leben auf dem Hof ein Hund, zwei Pferde, eine Katze und knapp 50 Schafe plus Lämmer: 26 Schafe sind sogenannte Milchschafe, die Lena melken kann. In ihrem Melkstand sind Platz für zwei Schafe und ein Schaf gibt im Schnitt einen Liter Milch pro Tag. Martensen setzt morgens und abends die beiden Melkbecher bei ihren „Määhdels“ an. Am Ende des Tages hat sie 30 Liter in ihrer Milchkanne. Soviel wie eine Kuh im Durchschnitt gibt. „Das ist weißes Gold“, sagt sie schmunzelnd. Einmal ist ihr der volle Eimer umgekippt. „Da hätte ich wirklich heulen können. Einmal nicht aufgepasst und einen Tag umsonst gearbeitet.“ Den Käse macht Lena in ihrer kleinen sterilen Küche, die aus gefliesten Wänden, zwei großen Töpfen und einem Waschbecken besteht. Wer die Küche von innen betrachten möchte, muss sich in weiße, sterile Kleidung hüllen. Hygiene hat bei ihr oberste Priorität. Handschuhe, Schürze, saubere Kleidung und ein Haarnetz müssen getragen werden. Die Jungunternehmerin ist dort äußerst penibel.

Chef schenkt Schaf

Doch wie kam sie überhaupt zu der Schafhaltung? Lena Martensen wuchs in Bredstedt auf. Durch die Landjugend und ihren landwirtschaftlich geprägten Freundeskreis entschied sich die damals 16-Jährige ihr Abi mit Agrarschwerpunkt in Niebüll zu machen. „Da hat mich die Faszination Landwirtschaft einfach gepackt und bis heute nicht mehr losgelassen“, so die Maurertochter. Nach der Hochschulreife folgte eine verkürzte, zweijährige Lehre als Landwirtin auf dem Hof von Harke Stollberg in Addebüll. Neben dem Ackerbau widmete sie sich leidenschaftlich gern den 400 Schafen, die mit ihrem „goldenen Tritt und ihrem scharfen Zahn“ die Grasnarbe des Deiches so festigen, wie es keine Maschine schaffen könnte. „Als Abschiedsgeschenk zur bestandenen Ausbildung bekam ich dann ein Schaf vom Chef geschenkt.“ Ein Präsent mit Folgen, wie sie feststellen muss, denn Schafe sind Herdentiere und „so war das eine nicht lange allein“, schlussfolgert die Schäferin.

Hobby zum Beruf

Die Jahre gingen ins Land und Lena widmete sich ihrem Agrarstudium in der Landeshauptstadt. Die Schafe blieben. Vor drei Jahren kaufte sie dann gemeinsam mit ihrem Partner Michael einen Hof in Tettwang. „Es war Platz für mehr Schafe da und aus fünf würden schnell zehn. Ich war als Herdenmanagerin auf einem Milchviehbetrieb angestellt und habe parallel immer überlegt – und gerechnet vor allem – wie ich mit meinen Schafen ein eigenes Einkommen generieren könnte. So kam ich auf die Veredelung der Schafsmilch“, berichtet sie mit freudigem Gesichtsausdruck.

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Und wie steht es mit der Vermarktung? Einen eigenen Hofladen will Lena Martensen nicht. „Dann bin ich an Öffnungszeiten gebunden, das schaffe ich zeitlich gar nicht.“ Sie verkauft ihren Schafskäse über Facebook, in zwei Hofläden in Sprakebüll und Bordelum sowie bei EDEKA in Breklum. Ein weiterer Hofladen in Morsum auf Sylt hat ebenfalls Bedarf angemeldet. Ihr bisheriges Angebot umfasst zwei Käsesorten: Der Halbhartkäse „Tilly“ und der Schafkäse „Watt‘n Käs“. „Insbesondere der Schafskäse ist ein echter Renner und bei uns im Freundeskreis ein Must-have bei jedem Grillabend.“ Etwa drei Stunden am Tag beansprucht die Käseproduktion ihre Zeit. Dazu kommen zweimal täglich anderthalb Stunden Melken und Reinigen, Füttern, Lämmer versorgen sowie die Ausfuhr der hochwertigen Erzeugnisse.

Das Konzept geht auf. Und wie steht es mit der Finanzierung eines solchen Projektes? Martensen berichtet, dass sie ein halbes Jahr einen Gründerzuschuss von der Arbeitsagentur erhalten habe. Eine brauchbare Unterstützung für das kapitalintensive, erste halbe Jahr. „Toll, dass es sowas gibt“, stellt sie fest.

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Traumberuf gefunden

Nähe zu Tieren und Natur, zum Land, zu den Menschen – das sei das Besondere der Käserei, sagt die Agrarwissenschaftlerin. Für viele sei es selbstverständlich, dass Lebensmittel in Qualität und Quantität jederzeit erhältlich seien. Dabei vergesse man leicht, welcher Produktionsprozess dahinter stecke. „Es ist wichtig, dass die Wertigkeit von Lebensmittelprodukten wieder steigt.“ Auf Nachfrage, wo sie ihr junges Ein-Frau-Unternehmen in der Zukunft sehe, weiß sie ebenfalls Antwort: „Mir ist wichtig, dass ich alles alleine schaffen kann. Platz habe sie für 50 Milchschafe, mehr aber nicht, sonst überschreite sie arbeitszeittechnisch ihre Grenzen.

Eure Deichdeern.

Kontakt:
Achtruper Schafskäserei
Tettwanger Str.
25917 Achtrup
Tel: 0174-3652265
Facebook-Seite
www.achtruper-schafskaeserei.de

 

 

 

Bauernhof-Kita gesucht

Danke an meine Freundin Lena vom Hof Haase – Bauernhofpädagogik und Monteurwohnung für ihr Gießkannen-Tankstellen-Foto. Foto: Lena Haase


Es erreichen mich zahlreiche Anfragen, aber diese Woche erreichte mich eine besondere Nachricht: Ein privater Kita-Träger in Hamburg möchte sein Kita-Angebot erweitern und sucht einen landwirtschaftlichen Betrieb in Hamburg, auf dem eine neue Kita eröffnet werden kann. Bio oder konventionell sei hierbei völlig egal. Die Grundkonzeption sieht es vor, den Hamburger Jungs un Deern wieder einen Zugang zum Ursprung der Lebensmittel und dessen Produktion zu gewährleisten. Und Matsch. Natürlich! 
„Waldkindergarten kann jeder“, verriet mir das Kita-Werk. Ich habe mit denen telefoniert, um zu checken wie seriös das ist. Wenn wir Bauern angerufen werden und uns jemand sagt: „hey, ihr macht nen coolen Job. Dürfen wir bei euch ne Kita eröffnen?“ dann sind wir per se ja erstmal skeptisch. Insbesondere, wenn solch spooky Videos von alten, aufgeregten Damen am Feldweg rum kursieren, ist die Stimmung eher gedämpfter und misstrauischer. 

Hier also mein Appell: Die Anfrage ist echt und seriös. Wer den Kontakt haben möchte, darf mich gerne anschreiben. 

Des weiteren suchen die noch Betriebe im Hamburger Speckgürtel (hier also gerne auch SH und NDS) für regelmäßige Ausflüge. Dort auch gerne bei mir melden, dann leite ich das entsprechend weiter. 

Liebe Community, liebes Internet, wir als Bauernstand rufen laut nach mehr landwirtschaftlicher Bildung und Prägung im Kitaalter. Jetzt haben wir es in der Hand und können aktiv werden. Ich würde mich daher freuen, wenn ihr den Beitrag teilen könntet, um möglichst viele zu erreichen…Und wer weiß, vielleicht ließt es die nächste Kura-Leitung und sagt sich: Bauerhof-Kita, geile Idee?! 

Anfragen bitte an: deich.deern@gmx.de

Eure Deichdeern

Modder-Liebe: 425 $ für eine dreckige Hose

Ich gebe zu, ich habe einen kleinen Fashionfimmel. Und ja, ich abonniere auch ein paar einschlägige Magazine. Warum? Weil ich gerne über den Tellerrand blicke. Manchmal ist es leichte Kost, manchmal unterhaltsam und manchmal auch absurd. Beispiel gefällig? Das US-amerikanische Label Nordstrom bietet eine „Fake Mud Look-Jeans“ für 425 $ an. Für eine Modderhose.

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Ganz ehrlich: Liebe Textilindustrie, ich biete euch einen Bauernhof für euer Finishing der Jeanskollektionen an. Erwähnungswert dabei: Es handelt sich sogar um ECHTEN  Modder. Na, wenn das nichts ist. Und wenn wir schon dabei sind: Durch unsere Äcker sind wir STEINreich. Somit können wir sogar stonedwashed anbieten. Levi’s, Lee, Hilfiger & Co.: Wie schaut’s aus?

Modderige Grüße aus Nordfriesland,

eure Deichdeern

 

„Nicht schubsen, ich bin kein Bauernkind.“

Werte Deichdeern-Leser,

wer mich kennt, weiß, dass ich keinen Gag auslasse und mich gerne von einer Sarkasmuswelle durch den Tag tragen lasse. Bis jetzt. Genau jetzt. Mein Facebook-Algorithmus hat sich den vergangenen zwei Wochen leidenschaftlich dem Thema „Mobbing von Bauernkindern“ gewidmet. Trotz konsequentem Cookies-Löschen. Ich würde das gerne ignorieren. Funktioniert schließlich bei sinnlosen Buchempfehlungen, Anti-Pickel-Masken oder der Aufforderung von Detlef D! Soost (I make you sexy und so)  auch wunderbar, aber bei dem Thema nicht.

Hier also mein Senf:

Meine Schulzeit war schön. Ok, zugegeben: Ich war in den Pausen besser als im Unterricht, aber deshalb mache ich heute auch beruflich was mit Kommunikation. Ich konnte mit jedem: den Computerfreaks, den Sportlern, den Barbies, den Rauchern, den Metalfans und ja, auch mit den besonderen Menschen. Die, die irgendwie anders waren: Die Stinker, die Cowboystiefelträger und die, die nach der 8ten Stunde ein Eierbrötchen im Bus aus dem Eastpak zogen. (Jeder kennt diesen einen Typ Mensch, der im Sommer nach der achten ein Eier- oder Leberwurstbrot aus der Tasche zieht.)

Und was ist jetzt mit den Bauernkindern? Gute Frage, bei mir sind die oben bei den Sportlern und den Metalfans einsortiert. Sie fielen nie auf…obwohl?! DOCH! Einmal im Jahr fielen sie auf. Am Wandertag. Man möge sich eine düstere, musikalische Untermalung bei dem Wort „Wandertag“ (döööödööööödöööö) vorstellen, denn unsere Lehrer (von der Auguste-Viktoria-Schule in Itzehoe, Große Paaschburg 68!!!!) hatten nie Bock auf diesen Tag. Nie. Never ever.

Also kam es, wie es kommen musste: Ein Freiwilliger musste her, bei dem wir diesen Tag abhängen konnten bzw. dessen Muddi dann die komplette Orga übernahm und die Lehrkraft fein aus dem Schlawittchen war. Zu 95 % fand dieser Tag also immer auf dem Bauernhof eines Mitschülers statt, denn für die Bauernkinder war es nie schlimm den Hof voller Menschen zu haben. Es waren stets tolle Tage mit reichlich Action und noch reichlicher was für die Figur. Dass wir abends nach so einem Tag nach Bauernhof rochen, haben wir nicht gemerkt, sondern nur die, die uns abholten. So what?! Klamotten kannste waschen, Erinnerungen aber bleiben.

Ich konnte es mir also beim besten Willen nicht vorstellen, dass die Wahrnehmung der Bauernkinder sich in den letzten zehn (ok, 15…) Jahren so geändert hatte und so musste ich recherchieren. Ich rief meine Blogleser dazu auf mir ihre Erfahrungen mitzuteilen.

Hier ein paar Auszüge aus den zahlreichen Nachrichten, die mich erreichten:

„Hallo Julia, meine vier Kinder haben keine guten Erfahrungen damit gemacht, in der Schule bekannt zu geben, dass die Eltern Landwirte sind. In der Grundschule war das noch cool, denn die ganze Klasse durfte auf unseren Bauernhof kommen. Dann gab es natürlich kostenlos Frühstück, Spiele, Tiere zum Kuscheln und jede Menge Informationen. Die Kinder waren begeistert. Doch danach, auf den weiterführenden Schulen, haben sich meine Kinder nicht mehr getraut, zu sagen, dass die Eltern Landwirte sind. Sie wurden aufs Übelste gemobbt und gehänselt. Gerade gestern hat mein Sohn im Religionsunterricht ein Referat über Massentierhaltung halten müssen und stand allein auf weiter Flur. Wenn nun schon der Lehrer im Vorfeld sagt, dass heute alle Bauern Massentierhalter sind, dann ist das Ergebnis der Referate schon vorgegeben. Mein Sohn war jedenfalls todunglücklich mit dem Vortragen seines Referates und wurde in der Klasse von dem Lehrer angeprangert. Es ist nicht das erste Mal, dass er aufgrund des Berufs seiner Eltern gemobbt wird. Das kennt er schon. In ein paar Tagen haben die meisten Schüler wieder vergessen, dass er ein Massentierhaltersohn ist und finden neue Themen, über die sie lästern können. Aber er ärgert sich besonders über den Lehrer, der weiterhin auch andere Schüler mit seiner Massentierhaltungsverschwörungstheorie bekehren will.“

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„Hallo! Ich bin auf einem Bauernhof aufgewachsen und fand es bis zur Grundschule richtig toll, weil ich viele Freiheiten hatte und Tiere, egal ob Schweine, Kühe, Katzen, Hunde oder Pferde, immer geliebt habe und immer noch liebe. In der Grundschule fing das Mobbing dann allerdings richtig an. Unser Kuhstall ist mit dem Haus verbunden, weshalb es natürlich immer nach Kuhstall gerochen hat. Dadurch rochen natürlich auch meine frisch gewaschen Sachen immer leicht nach Kuhstall. Viele Kinder kommen auch von Bauernhöfen oder wohnen in der Nähe davon, aber dadurch, dass unser Hof etwas außerhalb liegt und ich trotz Geschwister  (ca. 15 Jahre älter) fast als Einzelkind aufgewachsen bin, war ich das perfekte Mobbingopfer. Es hat sich durch die komplette Grundschule und Orientierungsstufe gezogen, dass ich Stinky genannt wurde oder die Kinder nur mit mir gespielt haben, wenn es für sie irgendeinen Vorteil gebracht hat. Ich habe als Kind sehr darunter gelitten und zum Dorf die Beziehung nahezu abgebrochen. Ich liebe den Hof meiner Eltern. Mittlerweile haben wir zwar außer ein paar Hühnern keine Tiere mehr, aber ich möchte meine Kindheit auf dem Hof nicht missen. Trotz der negativen Erlebnisse mit anderen Kindern, wünsche ich mir, dass meine Kinder genauso frei und mit genauso viel Umwelteinflüssen aufwachsen können wie ich. Zur Zeit lebe ich zwar berufsbedingt in der Stadt, aber es zieht mich und meinen baldigen Mann auf’s Land zurück. Er kommt genauso wie ich vom Bauernhof und hatte nicht mit solchen Anfeindungen zu kämpfen. Vielleicht weil er Freunde hatte, die wirklich zu ihm gestanden sind.“

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„Moin Julia, wir waren in MeckPomm die Helden in der Schule. Meine Brüder waren erst auf einer Dorfschule bis zur 10. Klasse und da wusste jeder, wann es bei uns ne neue Spritze, einen neuen Mähdrescher usw. gab und natürlich auch mit welcher Schneidwerksbreite, ob das Teil schon selbst fahren konnte und wie das im Vergleich zum Nachbarbetrieb ist.“

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„Hey Julia, mein Bruder wurde als Schweineficker betitelt. Und das täglich. Zu mir wurde gesagt, dass ich stinke etc. Mein zweiter Bruder wurde nicht geärgert. Meinen Nichten wird heute bisher nur gesagt, dass sie stinken. Beide gehen zur Grundschule. In der zweiten Klasse hat meine Nichte mit der Klasse einen Kuhhof besucht, einige Kinder durften von den Eltern nicht mit, weil sie sonst stinken würden. Ein paar Kinder waren voreingenommen und haben sich schlecht benommen. Die Kinder geben das wieder, was sie zu Hause hören. Früher lag es wohl eher an dem Bildungsstand der Familie. Heute hat sich das geändert. Die Wahrnehmung der Landwirtschaft und ihrer Produktionsverfahren ist kritischer geworden.“

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„Hallo, vorab muss ich sagen, dass wir selbst keine richtige Landwirtschaft mehr führen. Mein Vater gab den Betrieb schon vor langer Zeit auf und nun gibts bei uns nur noch einen Pensionsbetrieb für Pferde. Jedoch hab ich früh mein Interesse an der Landwirtschaft gefunden und im Alter von 13-16 in den Ferien und auch an Wochenenden auf anderen Betrieben geholfen und auch wirklich viel gearbeitet. Trotzdem galt ich schon in der Grundschule als Bauer wurde vielleicht minimal mal gehänselt jedoch war es nie was dauerhaftes und nichts, was ich persönlich als Mobbing bezeichnen würde. Auf der weiterführenden Schule war es ziemlich genauso, jedoch hab ich von vielen Leuten immer mehr Respekt bekommen, dafür,dass ich schon in dem Alter so fleißig war und so dazu stand. Natürlich kamen immer mal wieder Kommentare, wie ekelig das doch sei und dass das gar nicht Mädchenhaft ist. Inzwischen ziehen Lehrer mich in Diskussionen mit ein , wenn es um Themen geht die Landwirtschaft (nicht nur in Deutschland) beinhalten. Da ich eine vernünftige Position vertreten und sachlich belegt Argumentieren kann. Natürlich gibts Lehrer die mich belächeln und bei denen ich weiß, dass sie über mich denken, dass ich ein Dorftrottel und Oberbauer sei. So denken auch einige Mitschüler . Jedoch hab ich bei der großen Masse Respekt gewonnen durch Fleiß und (Fach-)Wissen. Schlussendlich kann ich einfach sagen , dass die Landwirtschaft, auch wenn ich aus Persönlichen Gründen Ferien- und Aushilfsjobs aufgegeben hab , mein Selbstbewusstsein , den Respekt und die positive Aufmerksamkeit von anderen gesteigert hat.“

Bis zu dem Zeitpunkt war ich schon mittelmäßig fassungslos, was es für Mobbinggeschichten gibt, aber dann folgte diese hier:

„Unser Sohn wurde gleich in der ersten Klasse wegen dem Hof gemobbt. Immer wieder gab es abfällige Bemerkungen oder Schlägereien. Für unseren Sohn war es so schlimm, dass er wieder bei uns im Bett schlafen wollte. Er weinte sich in den Schlaf und kam erst zur Ruhe, wenn ich mich dazulegte. Am liebsten wäre er nicht mehr in die Schule gegangen. Die Lehrer haben es nicht ernst genommen und sich auch nicht gekümmert. Zum Schluss ist es so eskaliert, dass er einen Jungen extrem verprügelt hat. Daraufhin habe ich nach dem ich deswegen in der Schule antreten musste sämtliche Eltern informiert, die es betraf. Sie haben ihn festgehalten und nicht zum Bus gelassen, das ging so weit, dass ich ihn eine Zeit lang gefahren habe.  […]

In der 5. Klasse an der neuen Schule, ging es wieder los. Beschimpfungen, Kloppereien usw. Es kamen Nachrichten auf sein Handy…“scheiß Bauer, geh Kühe melken“, „deine Eltern sind Tierquäler, die verpesten alles“ usw. Ich entdeckte zufällig einen Bericht über einen Jungencoach in der Zeitung. Da fuhren wir hin. Er war auf Mobbing spezialisiert und gab ihm gute Tipps, sich nicht darauf einzulassen und auch keine Angriffsfäche mehr zu bieten. Die Stunde hat jedes Mal 60 € gekostet, aber das Geld war gut angelegt. Die Situation beruhigte sich nach und nach und alle konnten langsam nach all den Mobbingjahren besser schlafen.“ 

Ja, was soll ich sagen. Zunächst war ich dankbar, dass sich so viele Menschen mir gegenüber geöffnet haben und von ihren Erfahrungen berichteten. Gleichzeitig nimmt es mich aber doch ziemlich mit, denn unsere Kinder können nichts für den Beruf, den ihre Eltern ausüben.

Sprachlos und betrübt ziehe für mich als persönliches Resümee, dass ich mich in dem Bereich der „landwirtschaftlichen Früherziehung“ und der Kommunikation unseres Berufsstandes weiterhin noch mehr engagieren werde, denn unsere Kinder sind unsere Zukunft. Wenn die das Vertrauen in uns Bauern verlieren, dann bin ich meinen Job los. Klare Sache.

Eure Deichdeern.

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Schlechter Spruch oder Wirklichkeit?

Tinder oder Kinder?

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Hoppala. Facebook hat mich grad erinnert, dass ich vor einem Jahr bei einer Lesung von Michael Nast war. Moment. Wer war das noch? Kleiner Reminder: Das ist der Mann mit dem „Generation: Beziehungsunfähig“-Bestseller. Es geht um Mittdreißiger, die noch in einer WG wohnen, von einem Praktikum zum Nächsten dängeln und wild durch die Gegend huren. Nie war es so einfach. Tinderseidank.

Ich saß also absolut deplatziert mit meiner Freundin Lotte im ausverkauften Audimaxx in Hamburg in der ersten Reihe. Hochschwanger und verheiratet. Also genau in der Zielgruppe. Nicht. Wir lauschten seinen Worten und 1.200 Menschen im Saal fanden sich und ihre Lebenssituation in Michaels Geschichten wieder. Nun gut, alle außer das Pummelchen in der ersten Reihe. Da sitze ich nun mit meinem Talent: Ich, Ende 20, abgeschlossenes Studium, hab mein Leben auf Kette und verpöne meine Eltern nicht, dass sie immer noch im ländlichen Raum leben und ihre Nachbarn kennen. Ich fühlte mich mit einmal schrecklich spießig. Superspießig – um es mal auf den Punkt zu bringen.

Michael Nast liest über Tinderstories und deren Eskapaden. Es war ein witziger Abend, aber das Thema ließ mich einfach nicht los. Sind wir wirklich die Generation beziehungsunfähig?

…Zeitreise…

Es ist Weihnachten. Tinder ist mittlerweile salonfähig geworden und hat in einigen Regionen sogar Looping Loui abgelöst. Ich habe mehrere Freundinnen, von denen ich behaupten würde, sie hätten die App zu Ende gespielt. Statt sich mit mir zu unterhalten, wird die App ausgepackt. “Komm schon, das ist doch lustig! Lass die Männer in Hamburg ein wenig auschecken, ja?“ Jaja, denke ich. Sei nicht so, Julchen. Sei mal lustig.

Also sitzen wir da und schauen uns die Gesichter fremder Männer an. Als ob es das Wichtigste auf der Welt wäre, den eigenen Marktwert zur Abwechslung auch mal in einer anderen Stadt zu testen. Was für ein Spaß, denke ich. Und fühle mich zurückerinnert an die Nast-Lesung. Meine Freundinnen sitzen mir gegenüber, immer mit einem Auge auf ihre Displays schielend, während ich von meinem Umzug ins Eigenheim, meinem Sohn und meinem neuen Job erzähle. MATCH. Bam, es hat einer angebissen. Die Blicke gehen zum Handtelefon. Alexander. Ein Traumtyp. Er erfüllt alle Kriterien meiner Freundinnen: 1,90m, keine Toilettenselfies, keine Katzenbilder, kein Fahrstuhlshot. Ein Glücksgriff also. Haha. Ich ignoriere Alexander. Nach zehn Minuten, in denen ich in das Gesicht meiner Freundin starre, fange ich an mir ernsthaft Gedanken über den Zustand dieser Situation zu machen. Am liebsten würde ich das Wlan aus der Wand reißen. Einfach so mit einem Ruck.

Stattdessen lehne ich mich zurück und wage den Perspektivwechsel. Ich betrachte die Situation mit anderen Augen. Jeder hat einen anderen Lebensstil. Manche ernähren sich vegan, manche sehr fleischlastig, manche lieben das Dorf, andere wollen die Stadt nicht missen. Manche sind verheiratet und haben Kinder, andere feiern ihr Singleleben und haben die Fußmatte voll mit Tinder-Matches.

Wir beschließen die Smartphones zur Seite zu legen, ne amtliche Rutsche Tequila zu bestellen und eine WhatsApp-Gruppe zu gründen, in denen wir all unsere Lebensstile unter einen Hut kriegen und unsere Freundschaft pflegen.

Die Gruppe heißt Tinder und Kinder.

Eure Deichdeern.

Dieser Text ist für meine besten Freundinnen. Danke, dass ihr so seid wie ihr seid.