#RapsPolizei | Wo ist der ganze Raps hin?

Wenn man Nicht-Schleswig-Holsteiner fragt, was sie mit Schleswig-Holstein verbinden, dann fallen meistens Begriffe, die das Landschaftsbild beschreiben, ja gar prägen: „Land zwischen den Meeren“, „Deiche und Wind“ oder auch ganz schlicht die „Rapsblüte“. Letzteres bereitet uns dieses Jahr jedoch ordentlich Kummer. Selbst Nicht-Landwirte spüren, dass der Rapsanbau in diesem Jahr stark abgenommen hat und kaum noch etwas gelb leuchtet am Feldrand. Da mich mittlerweile schon mehrere gefragt haben, warum das so ist, dachte ich mir, dass ich euch mal jemanden vorstellen muss. Die liebe Jenny Matthiesen.

Woher kennen Jenny und ich uns eigentlich?

Jenny ist eine wahre Perle. Kennengelernt habe ich sie, da hat sie noch eine Lehre gemacht in der Rapszüchtung und ich war Schülerin an der Landfrauenschule in Hademarschen. Das ist nun 10 Jahre her. Wir beide hatten eine große Leidenschaft für trockenen Humor, Cola-Korn und lange Tresengespräche. Zufälligerweise oft donnerstags in einem Etablissement an der Bundesstraße 77.

Mittlerweile ist sie der Liebe wegen nach Niedersachsen gezogen und arbeitet beim Bundessortenamt. Dort werden alle Sorten, die auf den Markt kommen sollen, nach intensiver Prüfung zugelassen oder aber nicht. Darüber entscheidet einmal jährlich ein Gremium, die sogenannten Sortenausschüsse. Jenny und ihre Kollegen sind also eine Art Türsteher für Sorten.

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Interview mit Jenny Matthiesen

In der letzten Woche habe ich auf Instagram dazu aufgerufen unter dem Hashtag #RapsPolizei den selten gewordenen Raps zu posten. Ich habe an einem Tag 31 Nachrichten dazu erhalten. 30 Bilder mit Ortsangabe und eine Nachicht mit einem fachlichen Klugscheissertext, warum überhaupt grad so wenig Raps blüht. Liebe Jenny, du hast es so geholt. Im Sinne von „Sharing is caring“, verrate uns bitte warum.

Jenny, warum wird Raps überhaupt angebaut in Schleswig-Holstein bzw. Deutschland?

Laut dem Statitischen Bundesamt ist der Rapsanbau in Schleswig-Holstein seit 2013 leicht rückgängig. Einer der Hauptgründe ist meiner Meinung nach der Wegfall der Neonicotinoide*. [*Kompliziertes Wort. Neonicotinoide sollen bestimmte für den Raps schädliche Insekten davon abhalten, diesen zu befallen. Sie waren, wenn man so will, die Treckingsandalen mit Tennissocken des Rapses. Für Insekten unattraktiv.]

Der Einsatz des Zungenbrecher-Pflanzenschutzmittels wurde 2013 eingeschränkt, und ist nun komplett (im Freiland) verboten. Das hatte zur Folge, dass der Raps zur Aussaat nun keinen insektiziden Schutz mehr hat. Das ist in etwa mit einer Impfung für Neugeborene zu vergleichen. Besonders der Rapserdfloh kann den Raps in dem frühen Stadium stark schädigen. Landwirte müssen fast täglich den Zuflug kontrollieren. Sind sie zu spät, kommt es im schlimmsten Fall zum Umbruch, das bedeutet, dass der Raps raus muss und eine neue Frucht rein. Der Rapsanbau ist somit mit einem immer höheren Einsatz von Pflanzenschutzmitteln verbunden. Ein Argument für den Rückgang der Anbaufläche.

Ein zweiter wichtiger Punkt ist das Wetter zur Aussaat. Der optimale Zeitpunkt dafür liegt zwischen dem 20. und 30. August. Wenn zu diesem Zeitpunkt die Witterung nicht passt, es beispielsweise viel zu nass ist, können die Flächen nur teilweise oder gar nicht befahren werden. Das Zeitfenster gilt es einzuhalten, sonst gibt es erhebliche Einbußen.

Und wofür braucht man Raps überhaupt?

Raps verbindet jeder mit Rapsöl. Inzwischen ist es eines der beliebtesten Speiseöle in den deutschen Küchen. Aus dem Öl kann nicht nur Speiseöl hergestellt werden, sondern auch Biokraftstoff gewonnen werden. Aus dem Rapsschrot kann wiederum hochwertiges Proteinfutter für die Futtermittelindustrie produziert werden.

Warum sieht man in diesem Jahr so viele Rapsflächen, die nicht richtig blühen oder sehr lange gebraucht haben um kräftig gelb zu blühen?

Gut, dass du fragst. Das ist nicht nur in Schleswig-Holstein so, sondern in fast allen Regionen Deutschlands. Das lag weniger an den Aussaatbedingungen, sondern an dem  Witterungsverlauf Ende März/Anfang April. Ich erinnere mich noch sehr gut an einen schneebedeckten Gründonnerstag in diesem Jahr. 10 Tage später gab es dann einen schönen, fast sommerlichen, Tag mit über 20 °C. An diesem Tag ist die Natur so richtig in Wallung kommen und auch der Raps machte einen enormen Sprung Richtung Sonne.

Aber Sonne ist ja per se nicht schlecht, oder?

Nein, das nicht. Ich möchte aber erwähnen, dass weniger die Sonne ann sich das Problem war, sonder solche Temperatursprünge. Die bedeuten nicht nur für den Menschen, sondern auch für den Raps purer Stress. Die Nährstofflieferung kam deutlich zu kurz. Er zeigte erste Symptome der physiologischen Knospenwelke, das heißt, dass die Knospen eingetrocknet oder abgefallen sind. Der Raps hat also nicht richtig angefangen zu blühen. Viele der Bestände haben sich inzwischen Gott sei Dank erholt. Der Raps ist ein Kämpfer und kann allgemein sehr viel kompensieren, aber es bleibt abzuwarten wie es weiter geht. Meine Prognose für alle Raps-Fans: Die nächsten Tage werden sicher noch einige blühende Bestände in der Region zeigen.

Wow. Wieder was gelernt. A propos, kannst du mir noch drei Fakten nennen, die ich über Raps wissen sollte?

Na, klar! Also erstens: Raps ist eine Kreuzung aus Kohl & Rübse und gehört zur Familie der Kreuzblütler wie auch Ölrettich und Gelbsenf. Zweitens, der Pollen des Rapses ist wertvoller Lieferant für unsere Bienenvölker. Und drittens, Raps ist wichtig für die Fruchtfolge und kann als Vorfrucht zu Winterweizen für eine Ertragssteigerung sorgen.

Schauen wir mal in die Zukunft. Haben wir irgendwann weniger oder gar keine gelb blühenden Pflanzen mehr hier?

Schwer zu sagen. Der Rapsanbau wird es auf jeden Fall nicht leicht haben in den kommenden Jahren. Der Schutz der Pflanzen muss intensiviert werden, die Preise auf dem Markt sind zurzeit auch nicht rosig. Ein Landwirt muss schon gut kalkulieren für seinen Rapsanbau.

Blüht denn der Raps zweimal oder was sehe ich zunehmend häufiger im Herbst gelb blühen auf den Äckern? Das war doch früher noch nicht so…

Inzwischen sieht man im Herbst gelbblühende Felder, das stimmt. Das ist aber kein Raps, sondern Gelbsenf oder Ölrettich. Diese werden als Zwischenfrüchte genutzt vor  Zuckerrüben, Kartoffeln oder Mais. Zwischenfrüchte dienen der Förderung der Bodenfruchtbarkeit und verbessern die Bodenstrukur. Gleichzeitig werden Nährstoffe konserviert und der Boden vor Erosionen geschützt. Also ne super Sache – und schön sieht es auch noch aus.

Dein Wunsch für die Zukunft?

Hoffen wir also auf bessere Zeiten für den Rapsanbau, um den Bienen ihren so wichtigen Lebensraum zu erhalten.

Danke, dass du dir die Zeit genommen hast.

 

#RapsPolizei

Nun zu dir! Du hast ein Rapsfeld in deiner Nähe und möchtest das gerne hier verlinken? Sehr gern. Hier geht’s zur interaktiven Karte. Trage dein blühendes Rapsfeld in deiner Nähe ein.

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