Faire Mode in Schleswig-Holstein

Noch vor einigen Jahren bedeutete faire Kleidung für die meisten Menschen kratzige Wollpullover und selbstgestrickte Hippiekleider. Heute ist das anders. Grün sein ist Trend. Nachhaltigkeit ein Thema, was immer mehr Menschen bewegt. Und das geht weit über vegetarischer Ernährung, Bioprodukte und Elektroautos hinaus. Inzwischen ist die Nachfrage nach fair gehandelten Waren auch in der Modebranche angekommen. Mehr und mehr Labels verschreiben sich der Nachhaltigkeit, setzen komplett auf sogenannte Slow-Fashion oder bieten neben klassisch produzierter Kleidung auch fair gehandelte Kollektionen an. Und die haben mit Strickpulli und Häkelkleidern nur noch wenig zu tun. Modisch und gleichzeitig grün sein – Auch dieses Credo verfolgen Läden und Labels in Hamburg und Schleswig-Holstein.

Fair fashion Gründerinnen: Die beiden Gründerinnen des Labels haben aus der Not heraus ihr Unternehmen in Hamburg gestartet. Sie waren auf der Suche nach nachhaltiger und zugleich modischer Kleidung nicht fündig geworden. Foto: Conny Trumann

Die beiden Gründerinnen der Hamburger Modelinie JAN ‚N JUNE – Anna Bronowski (29) und Juliana Holtzheimer (29) – verwenden zertifizierte Bio-Baumwolle sowie recycelte Polyester und Polyamid für ihre nachhaltige Mode. Ein Teil des recycelten Polyesters werde sogar aus alten PET-Flaschen gewonnen und das Polyamid aus Meeresmüll wie zum Beispiel alte Fischernetze. Produziert werde in Polen in einer familiengeführten Näherei sowie in einer GOTS-zertifizierten Produktion in der Nähe der portugiesischen Stadt Porto. Dieses Textilsiegel ist ein weltweit angewendeter Standard für biologisch erzeigte Naturfasern. „Damit unsere Kunden die Herkunft ihres Kleidungsstücks transparent nachvollziehen können, sind am Hangtag QR-Codes eingearbeitet, die beim Scannen Auskunft über die Zutaten, Produktionsschritte und Zertifizierung der Produkte geben“, berichtet Juliana Holtzheimer. Die Gründung ihres eigenen Labels ist aus der eigenen Not heraus entstanden. „Wir suchten selber nach umweltfreundlicher und zugleich bezahlbarer sowie modischer Kleidung. Da wir nicht fündig wurden, haben wir selber dafür gesorgt, dass es so etwas auf dem Markt gibt.“ Inzwischen ist aus dem einstigen Crowdfunding-Projekt von 2015 ein Label geworden, welches in mehr als 70 Läden in ganz Europa zu finden ist – auch seit Neustem in Kiel bei „Frau Beta“.  

Im Vergleich zur Fast Fashion – sogenannter Wegwerfmode – seien Slow Fashion Produkte meist deutlich teurer, heißt es von der Verbraucherzentrale Schleswig-Holstein. Regional produzierte Waren aus Biobaumwolle oder recycelten Materialien haben eben ihren Preis. So kostet ein schlichtes Shirt bei dem Hamburger Label beispielsweise knapp 50 Euro. Doch auch für den kleinen Geldbeutel sei ein bewussterer Konsum möglich, meint Vivian Rehder von der Verbraucherzentrale.  Es gebe inzwischen Unternehmen, die ihre Kleidung gegen eine monatliche Gebühr verleihen. So zum Beispiel die Plattformen myonbelle oder modami. Gefällt das Kleidungsstück nicht mehr und ist es wieder Zeit für einen neuen Look, geht es einfach zurück. „Dies ist gerade auch eine praktische und günstige Lösung für zum Beispiel Schwangeren-Mode, die nur für kurze Zeit getragen wird“, meint Rehder. Auch für Brautmode biete sich dieses Konzept an. In Kiel können Tüllträume auf Zeit zum Beispiel bei der Boutique „Braut trifft Kleid“ ausgeliehen werden.

Second-Hand-Mode liegt im Trend

Wer auf klassisch Second-Hand-Bekleidung setzt, bekommt im Norden ebenfalls etwas geboten. So kommen in den letzten Jahren auch immer neue Flohmarkt-Konzepte nach Schleswig-Holstein – wie zum Beispiel der Deernskram-Markt – eine Art Wanderflohmarkt für Frauenmode und Accessoires, der in Rendsburg, Flensburg, Lübeck und Kiel mehrmals im Jahr stattfindet. Und wer stylische Second-Hand-Mode von seinen Lieblingsinfluencern kaufen möchte, der ist auf Plattformen wie Fashiontale oder Vinted unterwegs. 

Das Konzept des Kiloladens ist dabei ein ganz spezielles Second-Hand-Angebot, welches es bisher nur in Kiel und in Flensburg gibt. Statt Stückpreisen wird die Ware hier gewogen. Ausschließlich getragene Bekleidung ist in den drei Kieler Läden und in dem Flensburger Geschäft zu finden – Alle zwei Wochen wird das Sortiment komplett ausgetauscht. Die Ware kommt von einem Second-Hand-Großhändler, erklärt die Betreiberin Miriam Avci, welche die Flensburger Filiale in der Norderstraße leitet. „Überwiegend sind die Kleidungsstücke aus Dänemark. Wir bekommen aber auch Mode aus der Schweiz, Schweden, Norwegen und London“, sagt sie. Und so funktioniert das Konzept: Mit jedem Tag sinkt der Kilo-Preis vom ersten Tag an bei 29,99 Euro bis er bei 11,99 Euro angekommen ist. Nach zwei Wochen geht das Ganze mit der neuen Ware wieder von vorne los. Kauft jemand also am ersten Tag ein Kleid mit einem Gewicht von 500 Gramm, kostet dieses 14,99 Euro. Ist der Kilopreis bereits auf 11,99 Euro gesunken und das Kleid immer noch im Laden, zahlt die Kundin 5,99 Euro. „Durch das Konzept mit der Waage, entscheiden nicht wir, was die einzelne Kleidung kosten soll, sondern der Tagespreis und das Gewicht.“ Die Idee hinter diesem Konzept stammt von Miriam Avcis Vater. Er hat Anfang der 90er-Jahre die ersten Kilo-Läden in Polen eröffnet. „Mein Papa dachte sich: Es gibt unterschiedliche Gesellschaftsschichten, aber es gibt auch schöne Sachen, die vielleicht auch ärmeren oder reicheren Menschen gefallen.“

Das Glückslokal in Kiel. Foto: Stefan Oehme

Kritisch mit Konsum umgehen

Das Kieler Glückslokal verfolgt wieder ein ganz anderes Konzept. Auch hier gibt es getragene Kleidung – allerdings fast komplett kostenfrei. Vereinsmitglieder zahlen einen monatlichen Beitrag ab 5 Euro und können sich im Gegenzug bei jedem Besuch mehrere Teile (je nach gewähltem Kontingent) aussuchen – ganz ohne Verkauf oder Tausch. Jeder, der etwas aus seinem Kleiderschrank loswerden möchte, kann Kleidung und Accessoires (natürlich nur im heilen und sauberen Zustand) im Glückslokal in der Alten Mu (Lorentzendamm 6-8) abgeben. „Ziel unserer Initiative ist es, gemeinschaftlich ein Bewusstsein für kritischen Konsum und eine nachhaltigere Lebensweise zu entwickeln. Es ist besorgniserregend, wie viel heutzutage entsorgt wird, was noch funktionstüchtig, sauber und heil und viel zu schade für den Mülleimer ist. Wir können vermeiden, dass diese Dinge im Müll landen und ihnen im Glückslokal ein neues Leben schenken“, sagt Nina Lage-Diestel. „Mit unserer Sharing-Community möchten wir eine kommunikative Plattform für einen Kreislauf von Konsumgütern anbieten und zeigen, dass die ressourcenschonende Weiternutzung von Secondhand eine tolle Alternative zum Kaufen ist.“ Das Glückslokal gibt es in Kiel bereits seit März 2014. Mehr als 950 Mitglieder nutzen dieses besondere Angebot in der Landeshauptstadt.

Kombination aus Fair Fashion und regulärer Mode

Tania Bernotat (44) von „Frau Beta“ hat bereits seit mehr als zehn Jahren nachhaltige Mode in ihrem Sortiment. Angefangen hat es mit fair produzierten Jeanshosen, die einfach vom Schnitt und Material in ihr Ladenkonzept passten. Die gelernte Schneiderin hat von Beginn an auch eigens designte und genähte Kleidungsstücke im Angebot. Hierfür kauft sie Stoffe aus Restposten von größeren Unternehmen auf. Die Nachfrage nach fair gehandelten Klamotten und Accessoires habe in den letzten Jahren deutlich zugenommen, beobachtet die Ladeninhaberin – besonders auch bei ihren jüngeren Kunden. „Das Bewusstsein wächst, die Menschen wollen auch beim Shoppen ein gutes Gefühl haben. Sie identifizieren sich durch einen nachhaltigen Konsum und Lebensstil“, sagt sie.

Einzelhandel-Pionierin Tania Bernotat von „Frau Beta“. Foto: Jana Walther

Dabei gebe es heute auch bereits bezahlbare, fair produzierte Kleidung. Zu den Verkaufsschlagern bei Frau Beta zählt daher die Marke „Armedangels“, die als Pionier der Fair-Fashion-Branche gilt. Hinter dem Kölner Unternehmen, welches 2007 als Charity-Projekt gegründet wurde, steht heute ein 90-köpfiges Team mit einem Umsatz von mehr als 30 Million Euro. Daneben führt Frau Beta auch kleinere, unbekanntere Labels. Dabei setzt sie auf eine Kombination von fair und nachhaltig produzierter Mode und Kleidungsstücke ohne Fair-Fashion-Label. „Ich wollte nicht komplett auf Fair Fashion setzen. Das habe ich bewusst entschieden“, sagt sie. Denn so mache sie sich auch nicht angreifbar. Das sei leider noch immer ein Problem in der Gesellschaft. Wer mit dem Credo Nachhaltigkeit wirbt, sei sofort im Visier. „Ach so, du benutzt noch Tüten? Ist diese Kleiderstange auch aus nachhaltigen Materialien? Habe ich dich nicht letztens mit einem To-Go-Becher gesehen?“ Dieser enormen Beobachtung möchte sich Tania Bernotat nicht aussetzen. „Ich finde, man sollte immer eine gewisse Leichtigkeit bei dem Thema Nachhaltigkeit an den Tag legen und nicht zu verkrampft an das Thema rangehen.“ Daher ihre Devise: „Wenn jeder ein bisschen mehr darauf achtet, ist schon viel getan.“

Was bedeutet eigentlich genau Fair Fashion? Besteht es nur aus Biobaumwolle oder wurden auch die Arbeitsbedingungen bei der Produktion berücksichtig? Diese Siegel sollen helfen. Quelle: Verbraucherzentrale Schleswig-Holstein

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