Editorial | Ernte erdet mich

Moin,

Ernte – es gibt wenig Worte, die emotional so aufgeladen sind für mich wie die Ernte. Gefühlt dreht sich mein ganzes Leben lang schon alles um diese besondere Zeit im Jahr. In den Urlaub fahren zwischen Mitte Juli und Ende August? – Geht nicht. Ernte. Du willst heiraten? – Aber nicht in der Ernte. Semesterferien und ab ins Schwimmbad? – Geht auch zum Frühschwimmen? Ich hab Labordienst oder darf an der Waage stehen.

Für Außenstehende war es meist nicht nachvollziehbar, wo nun der Zauber für mich darin läge zwischen LKW-Fahrern, Bauern und meinen Eltern zu zirkulieren. So richtig erklären kann ich es auch nicht. Es ist einfach ein Gefühl, das mich erdet. Ja, ich glaub das ist es. Ernte erdet. Und wie! Die Hand in einen Eimer voll Weizen zu stecken? – Unbeschreiblich. Den Duft von frischgedroschenem Raps? – Einmalig. Den juckenden Gerstenstaub nach Feierabend (meist gegen Mitternacht) endlich abzuduschen? – Göttlich!

Das waren jetzt nur die haptischen Erlebnisse. Was meint ihr, was sonst noch so los ist. Allein schon die Nervosität, wann das erste Getreide kommt. Jedes Jahr erzählt meine Mutter dann wie sie am 21.07., am Geburtstag meines Bruders Philip, die erste Gerste angenommen hat. Und seit 30 Jahren finden wir die Geschichte schön. Oder der Geburtstag meiner Oma am 17.08., den wir seit ich denken kann in Schichten bei ihr im Garten abfeiern und am Tisch nur über Feuchtigkeiten und Fallzahlen gesprochen wird während die Weincremetorte angereicht wird. Aber apropos Essen. Jedes Jahr bin ich auch immer wieder fasziniert, wie gut die Logistik rund um die Ernte klappt. Und ich meine damit jetzt nicht nur die Disposition, sondern auch die stillen Held:innen, wie die Feldrand-Versorgungscrew, die die Tupperware mit Verpflegung zum Acker fährt.

Ernte ist nicht nur ein Wort. Ernte ist ein Gefühl und genau das wollen wir euch diesen Monat ein Stückchen näher bringen.

Eure Deichdeern Julia

2 comments Add yours
  1. Moin Julia, auch für mich ist die Ernte mit vielen positiven Emotionen verbunden: es ist das „Einbringen“, der Lohn für die Arbeit, bei den meisten Früchten, der Arbeit eines Jahres! Während meiner gesamten Oberstufen- und Studienzeit habe ich in der Ernte als „Proben-Maus“ bei einem kleinen, familiengeführten Landhandel im Nachbardorf gejobbt. Es waren immer tolle Sommer! Meine Großmutter hatte am 23. August Geburtstag, also auch mitten im Weizen. Die Feier wurde dann am 18. September, dem Geburtstag meines Großvaters, nachgeholt, wenn dann die Wintergerste schon drin war 😉

  2. Sehr aus dem Herzen gesprochen, liebe Julia! Bei mir kommt so kurz vor der Ernte aber auch ein bisschen Wehmut auf. Jedes Jahr aufs Neue wird einem bewusst, dass man zwar alles für seine Pflanzen gegeben hat, aber den Erfolg nicht allein in der Hand hat.

    Du bist davon abhängig, ob es das Wetter gut mit dir meint, ob in der Wachstumsphase genug Regen fiel oder dass Hagel, Starkregen und Sturm (wie gerade in einigen teilen Deutschlands) nicht zu heftig ausfallen.

    Und: solang das Getreide noch einigermaßen grün ist, ist gefühlt noch Frühling. Mit dem Goldwerden auf den Felder bricht entgültig der Hochsommer aus und dann rennt das Jahr seinem Ende entgegen. Die Natur gibt bei unserer Arbeit halt den Takt an und das erdet unwahrscheinlich.

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