Geld oder Liebe

Jeder hat in der Jugend Sätze gehört, die fest verankert sind. Sie kleben förmlich im Unterbewusstsein fest. Wie fest? Mindestens so fest wie meine alten Chucks am Fußbodens des Tucholskys. Für alle Nicht-Kieler: eine Geschickschusskneipe a.k.a. Studenten-Disco in Kiel. Also sehr fest. Man nennt diese Sätze, die fest im Hinterkopf haften, Glaubenssätze. Es gibt positive und negative. Ich fang mal mit einem Positivem an. „Nach Regen kommt Sonne“ hat meine Mama immer zu mir gesagt, wenn ich etwas richtig versemmelt habe. Das hat mich oft aufgebaut und so hat sich die 5 in Mathe ganz schnell wie ne 4+ angefühlt.

Es gibt aber auch negative Sätze und einer ist mir am Wochenende wieder entgegen gesprungen in einem Instagram-Beitrag von Oh Wunderbar. Er lautet „…und such dir später in jedem Fall einen Mann, der erfolgreich ist und viel verdient.“ Schon bei dem Gedanken an diesen Satz bekomme ich Herpes. Oftmals wurde er von irgendwelchen alten Tanten vorgetragen, die beim Kaffee bei meiner Oma saßen. Auf der einen Seite wollten sie immer entertaint werden à la „Julia, berichte doch mal, wie es in Paraguay/Amerika/Sardinien/Paris/beim HSV in der Loge (da hab ich gekellnert)/oder, oder, oder war … Dann hat man kurz berichtet, wie die selbst finanzierten Auslandsaufenthalte oder Nebenjobs so liefen – und dann, anstelle eines „toll, dass du so fleißig bist“ kam ein „dann musst du dir später aber auch einen reichen Mann suchen, der deinen Lebensstil finanziert“ hinterher. Danke fürs Nicht-Zuhören, werte Pflegestufe II am Kaffeetisch. Mit Lebensstil meintet ihr vermutlich meinen BMW 3er Cabrio für 2.000 €, mit dem ich zu einem meiner drei Nebenjobs gefahren bin. Was weiß ich.

Deshalb hier nochmal an alle, die mir früher sagten, ich müsse mal später reich heiraten: Ich hab geheiratet, ja. Aber wider eurer Empfehlung habe ich mir nicht einen reichen Typen gesucht, sondern einen mit dem ich auf Augenhöhe kommuniziere. Einen der meine Arbeit wertschätzt und der anerkennt, was ich leiste. Das kann man nämlich mit Geld garnicht bezahlen.

Wenn ich also unserem Sohn einen Satz mit auf den Weg geben darf, dann der, dass ich ihm später einen Partner wünsche, der ihn so liebt wie er ist. Und ich setzte sogar noch einen drauf: Es ist mir scheißegal, ob das ein Mann oder eine Frau sein wird – hauptsache er ist glücklich. Und DAS ist der wahre Reichtum.

Eure Deichdeern.

Foto: pixabay.de

6 comments Add yours
  1. Den besagten Blogpost habe ich auch gelesen und mir meinen Teil gedacht. Hey, was hatten die älteren Verwandten und Nachbarn damals für Gedanken und Erfahrungen … Ich bin froh, daß mir meine Eltern anderes vorgelebt und mitgeben haben. Liebe, Respekt und Freiheit sind die Saat einer guten Beziehung. Sie sind wichtig und sie müssen immer in der Waage bleiben. Dies geben wir an unseren Sohn weiter und ich denke, er ist auf einem guten Weg.
    Noch so’n toller Spruch von damals:
    Wenn du arm geboren bist, dafür kannst du nix. Wenn du aber arm heiratet, dann bist du selber schuld…. 🙄

  2. Ohja, es gab gute und schlechte Sprüche. Ich konnte es auch immer nicht hören, wenn wir mal wieder Eltern von Schulfreunden vergangener Tage trafen und dann kam: „Und du? Hast du einen Freund / Mann? Du musst dir doch langsam jemanden suchen.“ Zum Glück hat meine Mutter das nie so gesehen…das war echt nervig für mich und mittlerweile haben selbst die hartnäckigen gemerkt, dass ich ein Soloprojekt bin 😉
    liebe Grüße (toller Blog)
    Sandra

  3. Zwei Dinge habe ich in meiner Kindheit oft gehört und mir damals nie etwas dabei gedacht. Wenn ich heute drüber nachdenke, dann sträuben sich mir die Nackenhaare:

    1. „Mädchen die pfeifen und Hähne die krähen, den‘ soll man beizeiten die Hälse umdrehen…!“
    Sprich: Sei schön brav und leise sonst passiert dir was!

    Und 2. (Weil ich eher burschikos war…) „An dir ist aber auch ein richtiger Junger verloren gegangen!“
    Verloren!! Das muss man sich mal auf der Zunger zergehen lassen…. !

    Und dann habe ich irgendwann die Karten, die meine Eltern zu meiner Geburt/Taufe bekommen haben, gelesen. Ich bin die dritte Tochter und die lieben Verwandten meinten meinen Eltern tatsächlich Trost aussprechen zu müssen, dass ich immer noch nicht der langersehnte Sohn war! Seitdem weiß ich, die oben genannten waren keine Sprüche, die waren wirklich so gemeint….

    Danke Julia, Du hast mich mal wieder zum Nachdenken gebracht. Ich versuche auch darauf zu achten, mit welchen Glaubenssätzen meine Kinder konfrontiert werden!

    1. Danke für deine lange Nachricht, Christiane. Es tut mir leid, dass du die Taufkarten gefunden hast. 😢
      Wie verletzend manches war, wird einem oft erst später bewusst. Danke, dass du deine Erfahrung hier teilst ❤️LG Julia

  4. Jeder soll das machen was ihn glücklich macht. Wenn du dein Glück auf Augenhöhe gefunden hast, ist es dein Weg. Andere haben andere Vorstellungen. Da ist nichts besser oder schlechter, nur anders. Außerdem, hat jeder unterschiedliche Qualifikationen, ob nun erarbeitet oder angeboren und damit sind die möglichen Wege individuell auch unterschiedlich. Chancen sind also nicht gleich aber vielfältig bei uns, zum Glück. Vielleicht ist dein weg langfristig erfüllender, ich gönne es dir.

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.