Rehkitzrettung vom Boden und aus der Luft

Das schöne Wetter lockt in diesen Tagen viele vor die Tür. Besonders hohe Menschenansammlungen wurden dabei in und um Immenstedt beobachtet. Die dortigen Bewohner verfolgen alle – unter Einhaltung der Corona-Abstandsregeln – ein besonderes Ziel: Rehkitze im hohen Gras aufsuchen und vor dem Mähtod bewahren, denn der „erste Schnitt“ steht bei den Landwirten an und die Kitze können vom Trecker aus nicht gesehen werden. Kitze machen sich ganz klein und legen sich auf den Boden während die Mütter fliehen. Der Fluchtinstinkt wird beim Rehwild erst später entwickelt. Ein Dilemna für alle: Landwirt, Jäger und Rehwild. Um dieses zu vermeiden, gibt es einige vorbeugende Maßnahmen. Eine Initiative sticht dabei besonders heraus: Die Rehkitzretter in Immenstedt/Hochviöl.

Gemeinsam stark: Die Immenstedter Rehkitzretter. Fotos: Julia Nissen/Deichdeern.com

Verabredung per WhatsApp-Gruppe

„Landwirte, Bevölkerung und Jäger arbeiten hier Hand in Hand“, erläutert Andreas Albersten, Vorsitzender der Jagdgemeinschaft Immenstedt/Hochviöl. Seit mehr als fünf Jahren suchen Einwohner, Landwirte und Jäger hier schon gemeinsam Ende Mai nach den Kitzen auf den Wiesen. „Unser Medium der Wahl ist eine WhatsApp-Gruppe. In der Gruppe sind 60 Mitglieder. Alles unkompliziert und freiwillig. Wir stellen kurzfristig rein, welche Flächen wann dran sind und kommunizieren eine Uhrzeit und einen Treffpunkt,“ so Albertsen. So auch an diesem Abend. 30 Freiwillige treffen sich in Hochviöl zum Pirschen durch das hohe Gras. Sie bilden eine lange Menschenkette mit mehreren Metern Abstand zwischen ihnen und waten durch das satte Grün. „Hier! Ich hab eins!“ ruft jemand am Menschenkettenende. Das Adrenalin der Beteiligten steigt. Dann schießt mit einem Mal die Ricke an allen vorbei. Jäger Thore Thießen erkennt das Reh und fordert die Teilnehmer auf weiter zu suchen. „Ich kenne die Ricke. Sie hat zwei Kitze. Wir müssen das zweite finden.“ Doch wie erkennt man so ein Kitz? Albertsen weiß: „Man muss schon genau hinsehen. Die sind nicht größer als ein Maulwurfshügel.“

Thore Thießen trägt das Kitz an den Feldrand. Dort findet es die Mutter wieder.

Mauswurfshügel erschweren die Suche

Die großen und kleinen Kitzretter suchen, was das Zeug hält, aber werden nicht fündig. Albersten gibt das Kommando weiterzuziehen. Hier wird heute noch nicht gemäht. „Wir fliegen morgen früh zwischen vier und sieben Uhr in der Früh alle Flächen nochmal mit der Drohne samt Wärmebildkamera ab“, versichert er. Die Statistik spricht für ihn und die Drohne: Im vergangenen Jahr haben sie insgesamt 56 Kitze gefunden und an den Feldrand gesetzt, damit die Mütter sie dort wiederfinden. Doch was ist effektiver: Drohne oder Bodenarbeit? Albertsen bescheinigt, dass man beides brauche. „50% der Kitze finden wir mit unseren tollen, engagierten Helfern abends beim Ablaufen der Felder, 50% in den frühen Morgenstunden mit der Wärmebildkamera.“ Die Sonne ist schuld an der „unchristlichen“ Zeit für die Suche aus der Luft. „Wenn die Sonne richtig knallt, erwärmen sich die Maulwurfshügel so schnell, dass die Wärmebildkamera vermehrt ausschlägt und vermeintliche „Treffer“ angezeigt werden. Es sind aber nur die braunen Erdhügel und keine Kitze.

Und los! Andreas Albersten (li.) gibt das Kommando zum Abmarsch.

Highlight des Jahres

Auf dieser Koppel ist jetzt Feierabend. Familienweise steigen die Menschen in die Autos und fahren zur nächsten Koppel. Als Dank gibt von der Landwirtin noch etwas Süßes mit auf den Weg. „Mal gibt es ein Eis, mal ein paar Kekse. Und das große Helfergrillen am Ende der zweiwöchigen Suchsaison. Das Grillen wird in diesem Jahr allerdings später stattfinden. Während alle in die Autos steigen, diskutieren die Kinder von Kim Hansen noch über die Suche. War sie nun erfolgreich oder nicht? Sie haben zwar hier nur ein Kitz gefunden, gleichzeitig sei das aber ja auch gut, wenn nicht so viele auf der Fläche sein. Der 43-jährige Immenstedter strahlt über das ganze Gesicht: „Für unsere Lütten ist das ein absolutes Highlight im Jahr.“ Und für ihn? „Wenn ich sehe, wie hoch die Beteiligung bei den Helfern – insbesondere bei den Kleinen- ist, dann freut mich das riesig. Sie machen sich Gedanken über die Hege und Pflege unserer Natur, lernen von und mit ihr – mehr geht nicht.“

Info: Was bedeutet „erster Schnitt“?

Die nordfriesischen Landwirte sind aktuell fast alle auf den Straßen und Feldern unterwegs. Der sogenannte „ersten Schnitt“ steht an. So wird die erste Mahd des Jahres bezeichnet. Das Gras wird gemäht, gekreiselt, in Schwad gelegt und anschließend vom Feldhäcksler aufgenommen, zerkleinert und in Ladewagen gepustet. Auf dem Bauernhof wird das geborgene Gras abgekippt und mittels eines Treckers, der die ganze Zeit hin und her fährt, verdichtet. Es entsteht ein großer Silohaufen, der mit einer weißen Folie überzogen wird. Durch den Luftabschluss wird der pH-Wert des Grases herabgesetzt. Den Prozess nennt man Silieren. Die Grassilage wird konserviert, sprich haltbar gemacht und dient ein paar Wochen später als Grundfutter für die Milchkühe.  

Kasten: Wie verhält man sich, wenn man ein Kitz findet?

Wenn man zufällig auf ein im Gras hockendes Rehkitz trifft, kann man sicher sein: die Ricke ist in der Umgebung und beobachtet die potenziellen Feinde die Wanderer, Spaziergänger oder deren vierbeinige Begleiter darstellen. Um diese nicht auf ihre Jungtiere aufmerksam zu machen, sucht die Mutter ihren Nachwuchs nur zum Säugen auf und verlässt sich ansonsten auf deren Schutz durch den nahezu komplett fehlenden Eigengeruch und die natürliche Wildfärbung, welcher die Kleinen in Wald und Feld für Fressfeinde nahezu unsichtbar und „unriechbar“ werden lässt. Bitte auf keinen Fall anfassen, weil es sonst einen Fremdgeruch annimmt und die Gefahr besteht, dass die Mutter es nicht annimmt. Das Umsetzen darf nur von fachkundigen Personen durchgeführt werden, wie zum Beispiel vor der Wiesenmahd.

4 comments Add yours
  1. Super und großes Dankeschön, dass Du das so gut erklärst. Die Rettung per Drohne findet immer mehr Zuspruch und es gibt freiwillige Helfer und einfach eine gute Zusammenarbeit, mit Verständnis. Je mehr Menschen daran denken, wie das Zusammenspiel funktionieren kann, um so besser.
    Liebe Grüße und frohe Pfingsten
    Nina

    1. Danke für deine lieben Worte! Ja, ich finde es auch klasse, wie toll sich das alles entwickelt. Viva la (technische) Revolution!

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