Eine Woche voller Emotionen: „Hospiz macht Schule“

Wie kommt man dazu bei der Initiative „Hospiz macht Schule“ mitzumachen?

Silke: Ich arbeite ehrenamtlich im Hospiz und habe die Fortbildung „Hospiz macht Schule“ extra gemacht in Hamburg. Ich fand es interessant, das Wissen an die Kinder in den 4. Klassen weiterzugeben und, dass es keine Berührungsängste mit dem Thema „Tod“ gibt.

Wie bist du zu dem Ehrenamt gekommen?

Ich habe viel mitgemacht in meinem Leben und so bin ich dazu gekommen, etwas Gutes zurückzugeben. Ich habe ein paar Schicksalsschläge hinter mir. Mein Mann ist früh gestorben und man kommt durch irgendetwas ja meist auch zu irgendetwas. Dier Trauerarbeit ist meine Berufung.

Unsere Interviewpartnerin und „Hospiz macht Schule“-Ehrenamtliche Silke Rolfs.
Foto: privat

Wie bist du überhaupt zum Hospiz als Ehrenamt gekommen?

Ich bin damals zu einem Informationsabend gegangen, weil meine Tochter meinte, du willst doch irgendwas Ehrenamtliches machen und in Husum gibt es einen Vortrag über Hospizarbeit. Ich bin hingefahren und nach dem Vortrag dachte ich: ,,Das kannst du ja erstmal auch für dich machen und alles aufarbeiten, was du vielleicht in deinem Leben unterdrückt hast.“ Später habe ich gemerkt, dass ich damit arbeiten kann. Ich bin mitfühlend, aber nicht mitleidend. Ich kann gut bei Sterbenden sein, aushalten, den Angehörigen helfen und unterstützen. Einfach etwas Gutes tun, denn man kann sich auch in den letzten Stunden noch nützlich machen.

Kommen wir zur Arbeit an den Schulen. Das Konzept ist für 3. und 4. Klassen entwickelt worden. Warum gerade in dieser Altersgruppe?

Also wir haben es hier über die Dörfer nur einmal in einer 3. Klasse gemacht und das bleibt auch dabei. Die sind leider noch etwas zu jung und zu wuschig. In den 4. Klassen sieht das schon ganz anders aus. Die sind aufnahmefähig, wissbegierig und einfach super toll. Die Kinder sind total offen und können ganz gut mit dem Thema um und die Aufgaben alle auch gut umsetzen.

Eine Woche ist in fünf Bereiche aufgeteilt. Wie sehen diese konkret aus?

Jeder Tag hat eine Farbe. Wir haben kleine Kisten und jede Kiste hat eine Farbe. In der jeweiligen Kiste ist das Material für den Tag. Das macht die Kinder natürlich auch neugierig. Wir machen das alles in aller Ruhe. Wir beginnen mit „Werden und Vergehen“, gefolgt von „Krankheit und Leid“, anschließend „Sterben und Tod“, gefolgt von „Trauer und Traurig sein“ und zuletzt „Trost und Trösten“. Die Klasse wird in Gruppen eingeteilt und jede Gruppe hat einen Tag, an dem sie das Ganze moderiert. Ich nehme oft das Thema „Sterben und Tod“, also den dritten Tag, dann hat meine Gruppe die Aufgabe das Thema am Freitag, wenn die Eltern da sind, auch zu präsentieren.

Am Freitag sitzen wir erstmal wieder in einer großen Runde zusammen. In der großen Runde sind wir alle mit Bändern wortwörtlich miteinander verknüpft. Das machen wir zuerst am Montag morgen und Freitag Mittag lösen wir die Verknüpfungen wieder. Wir haben so einige Rituale. Wir haben zum Beispiel auch noch ein Lied, dass jeden Morgen und jeden Mittag gesungen wird.

Wir nehmen uns wirklich den ganzen Tag Zeit, um etwas auf Plakate zu malen und etwas für die eigene Mappe zu machen. Wir arbeiten in kleinen und großen Gruppen, mal praktisch und mit Fingerfarben, dann aber auch mit Erde. Die Kinder pflanzen eine Saat und die können sie dann im Blumentopf mit nachhause nehmen und den Blumentopf dann auch anmalen.

Das ganze Arbeitsmaterial stammt aus Spenden. Es kommt auch eine Krankenschwester vorbei und spricht mit den Kindern über Krankheiten. Die Kinder können ihr dann auch alle mögliche Fragen stellen.

Und wie regieren die Kinder auf die Projektwoche?

Wir als Betreuer haben alle unsere Erfahrungen. Da fragen die Kinder ganz viel. Ich glaube, dass öffnet das Gespräch und nimmt denen die Angst zu fragen. Denn, wenn ich offen bin mit meinen Geschichten bin, haben die Kinder Vertrauen und sind offen zu mir. Das läuft auch alles auf Vertrauensbasis. Wir tragen davon nichts nach Außen. Wir haben eine Schweigepflicht, genauso wie die Kinder in dem Moment auch. Daran erinnern wir sie auch jeden Tag. „Alles was hier drinnen gesagt und gemacht wird, muss auch hier drinnen bleiben.“

Wir basteln immer eine Spirale, die dann an die Wand gehängt wird. Da soll dann jedes Kind auf ein Blatt schreiben, was es sich für die Klasse wünscht. Das bleibt dann auch hängen nachdem die Projektwoche abgeschlossen ist. Wir haben auch zu den Lehrern gesagt, dass sie bitte die Kinder mit anderen als sonst in einer Gruppe zusammenlegen. Das ist für so eine Klasse auch ganz wichtig, dass sie sich auch einmal anders kennenlernen. Bei jeder Gruppe von ca. 25 Kindern, gibt es auch immer ein paar auffällige Kinder, die nicht richtig anerkannt sind in der Klasse. Am Ende der Woche ist die Klasse eins.

Das ist eine ganz tolle Erfahrung, die wir da machen dürfen. Wir sind sechs Ehrenamtliche, die in eine Klasse gehen und wir haben eine Dame, die uns Material bringt oder wenn ein Kind ganz traurig ist, sich um dieses Kind kümmert und dann gibt es ja noch die Lehrer*innen. Die sind auch immer mit dabei.

Wie gestaltet ihr den Abschluss der Projektwoche? Können Familienmitglieder auch einen Einblick bekommen?

Am Ende der Woche versuchen wir immer ein Elternteil oder einen der Großeltern da zu haben, damit jedes Kind jemanden hat, der an dem Freitag dann mit dabei ist. Es ist wichtig für das Kind, dass jemand da ist, der sich mit anguckt was wir die Woche über gemacht haben. Manche Kinder haben auch keinen, der kommen kann. Nicht, weil die Eltern nicht wollen, sondern weil sie das auf Grund der Arbeit nicht schaffen. Nicht jedes Kind hat Oma und Opa hier in der Nähe. Dafür versuchen dann wir sechs Hospizler da zu sein und nochmal extra Nähe zu geben.

Jedes Kind bringt dann auch etwas mit und wir machen dann noch so eine locker-flockige Abschlussrunde. Die Eltern und Großeltern können uns dann natürlich auch Fragen stellen.

Wird das Thema Tod durch eure Arbeit ein Stück weit enttabuisiert?

Je mehr für über den Tod reden, um so mehr wird er auch Teil unseres Alltags. Man hat ja seine verschiedenen Sterbephasen, in denen du traumatisiert werden kannst. Da gibt es zum Beispiel den plötzlichen Tod, das hatte ich mit meiner Mutter. Die ist von heute auf morgen verstorben.

Früher wurde Trauer weggeschwiegen. Da sollte man den Tod nicht sehen das ist heute, Gott sei Dank, alles anders. Heute kann man besser Abschied nehmen, besser mit der Tatsache umgehen und es besser verstehen. Es ist ganz wichtig, dass man die Kinder vom Thema Tod nicht weghält. Auch wenn eine Krankheit da ist, sollte man den Kindern keine Angst machen, aber man sollte die Krankheit definitiv erwähnen. Das ist leichter gesagt, als getan.

Niemals sagen, dass Verstorbene eingeschlafen sind, sonst haben die Kinder nachher noch Angst schlafen zu gehen. Das ist natürlich alles ganz viel, aber ich finde wir sind hier in unserer Gesellschaft auf einem guten Weg. In meinem Verwandten-, Freundes- und Bekanntenkreis wissen, dass ich schon seit über zehn Jahren mit diesem Thema arbeite und die haben da auch keine Berührungsängste.

Gehen Kinder besser mit dem Thema Tod um als Erwachsene?

Meistens ja. Kinder können ganz anders ertragen. Da können wir Erwachsenen noch ganz viel lernen.

Im Schnitt wird das Projekt zwei bis drei mal im Monat in Deutschland durchgeführt. Wie sind denn die ersten Reaktionen der Eltern, wenn es heißt, dass es Thema der Projektwoche ist?

Bei uns wird das Projekt zwei bis dreimal im Jahr durchgeführt, denn mehr schaffen wir leider nicht. Die Schulen haben großes Interesse an unserer Arbeit.

Habt ihr als Ehrenamtler noch mehr Aufgaben als das Schulprojekt?

Ja, haben wir. Jeder von uns hat ja noch spezielle Projekte. Ich habe Kollegen, die explizit mit trauernden Kindern arbeiten. Ich mache selber noch mit zwei Kollegen ein Trauercafé, was eigentlich regelmäßig in Bredstedt stattfindet, was natürlich zur Zeit wegen Corona nicht stattfindet. Wenn wir etwas nicht hundertprozentig machen können, machen wir es lieber gar nicht. Denn Trauerarbeit können wir nicht mit Abstand machen, deswegen lassen wir es momentan. Es gibt Leute, die können ihre Gespräche mit Abstand führen, aber Trauergespräche können wir nicht mit Abstand führen. Wenn jemand traurig wird und anfängt zu weinen und wir dürfen ihn dann nicht berühren… das können wir nicht. Die Leute in den Arm nehmen oder die Hand halten…wenn wir das nicht dürfen, machen wir das nicht.

Das Trauercafé geht aber wieder los, wenn so etwas wieder erlaubt ist. Wir bieten dafür jetzt einmal im Monat Spaziergänge an. Dabei ist es egal ob wir das am Wasser, in der Heide oder im Wald machen. Draußen kann man gut reden und auch gut loslassen. Man kann weinen und braucht sich dabei nicht in die Augen zu schauen. Das sind natürlich ganz viele Vorteile.

Magst du uns deine schönsten oder eine deiner schönsten Erfahrungen verraten?

Meine schönste Erfahrung ist zu sehen, wie leicht Kinder mit dem Thema umgehen. Wir hatten auch Kinder dabei, die kurz vorher ein Elternteil verloren haben und dass wir das Thema dann aufgreifen konnten, war den Kindern dann auch wichtig. Man kann sagen, dass Kinder uns schnell vertrauen. Da brauchen die Eltern auch keine Angst haben.

Und magst du vielleicht noch einen Tipp geben, was zu tun ist bei einem akutem Trauerfall, insbesondere wenn die Kinder jünger sind?

Ehrlich sein. Nicht wegsperren. Mithören lassen. Es ist besser, denn dann kommen auch Fragen von den Kindern, die auch beantwortet werden können. Wenn Kinder lauschen und nur die Hälfte mitbekommen, ist das nicht gut. Dann können und werden Kinder auch nicht fragen, weil sie es ja nicht mithören durften. Ich habe die Erfahrung mit meinen beiden Kindern vor 25 Jahren gemacht und bin froh, dass ich sie nicht von dem Thema ausgeschlossen habe.

Man sollte den Tod und das Sterben auch aussprechen dürfen, das ist ganz wichtig. Kinder können mehr ertragen als wir denken. Die Fragen ja auch, das ist das Tolle. Vorausgesetzt sie bekommen natürlich Antworten auf ihre Fragen. Klar fragen sie nicht mehr, wenn du sagst „Sei still“, „setz dich vor den Fernseher“ oder „geh spielen“, aber ansonsten fragen sie. Wir sind heutzutage aber auch in einer Zeit, in der die meisten schon verstanden haben, dass das Sterben zum Leben dazugehört. Unsere Kinder hier aus der Landwirtschaft sehen das ganz früh schon. Wir hatten ja eine Schäferei und Kühe und da kam es auch mal zu Totgeburten von Lämmern oder Kälbern. Mein Mann machte damals gemeinsam mit dem Tierarzt auch Kaiserschnitte bei den Kühen und dann saßen die beiden Kinder immer auf den Strohballen und guckten zu. Ich hab dann immer gesagt, dass die beiden darunter kommen sollten, weil sie das nicht sehen sollten und mein Mann sagte dann immer zu mir: „Du, lass die beiden das man ruhig sehen. Das gehört mit dazu.“

Liebe Silke, wie sieht deine Zukunft in der Hospizarbeit aus? Was hast du dir vorgenommen?

Ich habe das Schulprojekt jetzt acht Jahre gemacht und meine Kollegen bieten das auch noch weiter an. Ich habe mich jetzt ein bisschen zurück gezogen, da ich noch das Trauercafè in Bredstedt mache und Trauerspaziergänge zur Zeit anbiete. Ich gehe auch ins Pflegeheim in Struckum und helfe und koordiniere dort, wenn Unterstützung benötigt wird. Dort betreue ich auch Sterbende.

Danke für das Interview und für dein wertvolles Engagement, Silke.

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