„Waschbretter gehören höchstens an den Strand“

Kurz vor Fehmarn, wo die Sonne den Horizont küsst, lebt und arbeitet Wiebke Schlichting im ostholsteinischen Heiligenhafen. Die gelernte Hauswirtschafterin und gebürtige Oldensworterin hat auf ihrem Weg an die Ostsee allerdings ein paar Umwege über Australien und London genommen, bevor sie vor Kurzem hier Fuß fasste.

Eine junge Deern in lässigen Blue Jeans, T-Shirt und Birkenstocks ruft durch die Lobby des Heiligenhafener Hotels Bretterbude: „Moin! Häs good her vuun?“ Es ist Wiebke Schlichting. Die 28-Jährige ist laut korrekter Berufsbezeichnung „Head of Housekeeping“, ein neudeutscher Begriff für eine Hausdame, die für mehrere Hotels zuständig ist. In ihrem Fall für die neue „Bretterbude“, das im Dezember eröffnende „Beach Motel 2“ sowie die dazugehörigen Beach Motel Appartements. „Willst du ein paar Zimmer sehen und ich erzähl ein bisschen was?“ fragt sie rhetorisch und geht flotten Schrittes vor.

 

Im ersten Zimmer angekommen, nimmt sie Platz in einer alten Zinkwanne, die als Schaukelstuhl upgecycelt wurde. Auf Nachfrage, ob sie während ihrer Ausbildung zur Hauswirtschafterin einmal mit einem solchen Behältnis konfrontiert worden sei, lacht sie laut auf. „Um Gottes Willen, nein. Die Hauswirtschaft ist moderner als ihr Ruf. Waschbretter gehören höchstens an den Strand, aber nicht an einen Arbeitsplatz in der heutigen Zeit“, weiß die Eiderstedterin, die nach dem Realschulabschluss an die Landfrauenschule nach Hanerau-Hademarschen wechselte. Wie sie auf die Lehre gekommen sei? „Durch meine Oma. Wir waren gemeinsam in der Küche beim Abwasch und sie sagte, ich solle das mal lernen. So als Basis wäre das nie verkehrt. Die Alternative wäre irgendwas mit Tieren gewesen.“ Wiebke berichtet über ihre Erlebnisse und das damit verbundene Lebensgefühl, wie es war auf einem Milchviehbetrieb aufzuwachsen. „Ich habe es geliebt mit meinem Vater und meiner Mutter draußen die Tiere zu versorgen. Auch heute noch. Wenn ich zuhause bin, helfe ich gerne im Stall und melke mit meiner Mutter eine Runde mit.“ Sie blickt aus dem Fenster. „Bald ist Mais fahren. Dieses Jahr schaffe ich es hoffentlich mal wieder eine Runde mit zu fahren bei meinem Papa oder meinem Bruder Martin. Die letzten Jahre war ich ja nie hier.“

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Falte im Kissen? Fehlanzeige bei Wiebke.

Nach dem Besuch der Unterklasse in Hademarschen verbrachte die damals 17-Jährige ihr zweites Lehrjahr im nordfriesischen Immenstedt auf dem landwirtschaftlichen Betrieb der Familie Thießen. Das dritte Ausbildungsjahr folgte im benachbarten Kreis Dithmarschen, genauer gesagt in Hemme, bei Familie Lange. „Schweinestall, Melken, Haushalt – die Jahre auf den Höfen waren intensiv, aber vor allem schön und der Spaß kam nie zu kurz.“ Danach ging es für die leidenschaftliche Ringreiterin wieder nach Hademarschen. Dieses Mal stand der Besuch der Oberklasse an. Neben den Highlights wie Norla und Grüne Woche, erinnert sich die „Blaumeise“ gerne an die Bereichsleitungen im Service und in der Großküche. „Strukturiert arbeiten konnte ich. In der Oberklasse bekam ich noch den letzen Schliff verpasst, insbesondere im sicheren Auftreten vor Gruppen und im Unterweisen und Anleiten von Anderen. Ich profitiere bis heute davon täglich“, versichert sie.

Im Anschluss an die Landfrauenschule fand die frischgebackene hauswirtschaftliche Betriebsleiterin eine Anstellung als Hausdamenassistentin in einem St.Peter-Ordinger Hotel. „Alles lief super bis meine Mutter das Bauernblatt aufschlug und mir eine Stellenanzeige hinlegte. Eine Familien aus Angeln suchte eine Hauswirtschafterin, die sich um den Haushalt sowie um die sechs Kinder kümmern sollte. Arbeitsort: Kununarra/Australien.“ Ich kündigte nach knapp drei Jahren meinen Job in St. Peter Ording und fand mich kurz darauf in Down Under wieder.“ Dort verbrachte die Nordfriesin insgesamt zweieinhalb Jahre. „Erst sechs Monate auf dem Betrieb und dann bin ich noch zwei Monate gereist. Als das Geld knapper wurde und ich mein Visum verlängern wollte, zog es mich nach Tasmanien zum Melken.“ Sie lernte Patrick kennen, einem Iren, der sich ebenfalls als Backpacker etwas dazuverdienen wollte. Mit ihm zog sie weiter ins australische Adelaide. Hier verbrachten beide die restliche Zeit ihres Auslandserlebnisses.

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Nach ihrer Wiederkehr im Frühjahr 2013 folgte eine Anstellung als Hausdame im Beach Motel in St. Peter Ording. Freund Patrick ging derweil nach London, um dort zu arbeiten. Nach einem knappen Jahr Fernbeziehung entschied sich Wiebke in die Metropole nachzuziehen. „Ein Job war schnell gefunden. Mit einer soliden Ausbildung wie der Hauswirtschaft, bist du sehr gefragt auf dem britischen Arbeitsmarkt,“ verrät sie. Eine Anstellung als Assistentin des Finanzdirektors bei Lidl UK folgte, in der sie bis Mai diesen Jahres arbeitete. „Quereinsteiger, wie ich es war, bekommen dort viel leichter eine Chance sich zu behaupten. Das war mein Vorteil.“ Heute, als Housekeeping-Chefin des über 600-Betten-Komplexes, muss sie selbst Vorstellungsgespräche führen und Personal einstellen. Dabei zehrt sie von ihren Auslandserfahrungen und berücksichtigt zum Beispiel gerne Seiteneinsteiger bei der Wahl ihrer acht Assistenten.

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Das Handy klingelt. Es ist ihr Freund Patrick, mit dem sie seit Eröffnung der „Bretterbude“ nun wieder eine Fernbeziehung führt. „Das ist aber kein Problem“, schmunzelt die Weltenbummlerin. „Die Flugzeit von Hamburg nach London ist kürzer als die Fahrt von Ostholstein nach Eiderstedt. Beim Rausgehen aus dem Zimmer dreht Wiebke noch einmal um und hebt das Kopfkissen des Hotelbettes sanft an, um drunter zu schauen. „Sorry, kleine Gewohnheit. Gelernt ist eben gelernt“, sagt sie augenzwinkernd.

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Die Erstveröffentlichung dieses Textes erschien am 8. Oktober 2016 im Bauernblatt Schleswig-Holstein.

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