Tschüss, Kittelschürze!

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Freitagnachmittag in Hövede im Kreis Dithmarschen. Bei der Fahrt durch die friedliche 70-Seelen-Gemeinde fällt ein weißes Banner ins Auge. „Feld und Flur“ steht in fetten Lettern geschrieben, und ein großzügiger Pfeil nach rechts weist den Weg. Hinter dem klangvollen Namen verbirgt sich der Hofladen von Ina Harbeck. Die 30-jährige Hauswirtschafterin hat den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt und betreibt seit Anfang dieses Jahres ihr eigenes kleines Unternehmen.

„Während der Realschulzeit war mir schnell klar, dass ich ländliche Hauswirtschaft lernen möchte“, verrät die Dithmarscherin. „Für mich ist das Vielfalt pur. Welcher Beruf ist so abwechslungsreich?“, fragt sie und schießt die Antwort gleich hinterher: „Mir fällt keiner ein. Okay, Landwirtschaft vielleicht“, sagt sie schmunzelnd und wirft einen Blick über ihre Schulter gen Kuhstall. Ihr erstes Lehrjahr absolviert die damals 16-Jährige an der Landfrauenschule, einer Fachschule für ländliche Hauswirtschaft, in Hanerau-Hademarschen. Für das zweite verschlug es sie zu Familie Schoof nach Hedwigenkoog.

Das dritte Ausbildungsjahr verbrachte Harbeck bei Familie Frahm-Hagemann in Groß Rheide. „Beides sind tolle Familien, bei denen ich viel gelernt habe“, berichtet sie mit stolzer Stimme und sortiert dabei die ersten Roten Beten des Jahres in ihr Hofladensortiment. Kaum war die Ausbildung abgeschlossen, zog es die frischgebackene Hauswirtschafterin erneut nach Hademarschen. Ein Jahr Oberklasse mit dem Schwerpunkt Vermarktung und Tourismus stand auf der Agenda. „Ein anstrengendes Jahr, aber all die Mühe und der Fleiß zahlten sich am Ende aus“, resümiert sie die Zeit. Es folgten drei erfahrungsreiche Monate in Kanada auf einer Apfelfarm. Die „Betriebsleiterin im ländlichen Raum“ backte Apple Pies für den Hofladen im Akkord. Nach der Wiederkehr folgte eine Festanstellung als hauswirtschaftliche Betriebsleiterin im Niels-Stensen-Haus in Hamburg.

Auf Nachfrage, ob es bereits in der Ausbildung für sie klar war, dass sie sich in Richtung Direktvermarkung orientieren würde, wird sie ganz still, hält einen Moment inne und berichtet von dem plötzlichen Tod ihres Vaters. „Mein Bruder war zu dem Zeitpunkt 18 und noch in der Ausbildung zum Landmaschinenmechatroniker. Er wollte den Betrieb weiterführen, aber erst nach einer zweiten, landwirtschaftlichen Ausbildung. So entschied ich mich, meinen Job in der Hansestadt zu kündigen, und ging nach Hause.“

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Genau in diesem Moment betritt ein Mann mit schwarzer Sonnenbrille, kurzer Hose und staubigen Boots den Hofladen. Ein melodisches „Hello“ ertönt im Raum. Es ist Ian, Inas Partner. Sie und der 39-jährige Australier haben sich vor ein paar Jahren auf dem Volksfest im benachbarten Tellingstedt kennengelernt. „Wo auch sonst?“, sagt sie und lächelt ihm zu. „Ian unterstützt uns auf dem Hof und im Hofladen ungemein. Es schadet nie, einen Zimmermeister auf dem Hof zu haben.“ Ihre Finger deuten auf die hölzerne Hollywoodschaukel vor dem Hofladen. Im kommenden Jahr ist ihr Bruder mit der Ausbildung fertig. Dann wird er die Arbeit auf dem Höveder Milchviehbetrieb übernehmen, und Ina wird sich nach und nach ausschließlich ihrem Hofladen widmen.

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Auf Nachfrage, wer ihr bei der Planung und der Konzeptionierung geholfen habe, verweist die junge Frau erneut auf die Ausbildung. „Insbesondere das Fach ,Vermarktung und Tourismus‘ hat mir sehr dabei geholfen, meinen Traum Wirklichkeit werden zu lassen. Von der Konzeption bis zur Preisgestaltung, ich hab alle Unterlagen wieder rausgeholt und konnte einfach loslegen.“ Bei der Umsetzung des Businessplanes für den Existenzgründungsantrag erhielt sie Unterstützung von einem befreundeten Dozentenpaar von der Fachhochschule Heide. Ein weiterer wichtiger Erfolgsfaktor für ihr Angehen ist ihre Entschlossenheit. „Ich wusste genau, was ich dem Kunden anbieten möchte. Regionalität hat bei mir oberste Priorität“, fährt sie fort und lädt zum kleinen Rundgang ein. Die erste Station führt in den alten Apfelgarten. „Das Geld liegt doch auf dem Boden.“ Ihre Hand deutet gen Grund. „Man braucht es nur aufzusammeln.“ Neben den eigenen Birnen, Pflaumen und Kirschen verarbeitet sie die Äpfel zu Köstlichkeiten für ihren Hofladen: Kuchen im Glas, Eingelegtes, Marmeladen oder besondere Öle zieren ihre rustikalen Regale.

Für die Zubereitung hat sie die alte Küche als Gewerbeküche umfunktioniert und angemeldet. Die Dithmarscher Frohnatur packt sich einen Korb und geht erneut in den Hofladen. Besonders stolz ist die passionierte Jägerin auf ihren Kühltresen: Rehsalami, Wildgulasch oder die hauseigenen Fleckviehkreuzungen finden ihren Platz in der Kühlung. „Wir schlachten im Nachbarort Delve. Ich lege großen Wert darauf, dabei zu sein.“ Auch hier kann sie wieder auf ihre Ausbildungsinhalte zurückgreifen und ist geübt im Abpacken und Etikettieren von Fleischerzeugnissen. Zum Abschluss der kleinen Führung macht Harbeck halt vor ihren Bienenkästen. „Sechs Bienenvölker habe ich von meinem Vater. Mittlerweile sind es sieben. Das macht mich mit Abstand zum größten Tierhalter in der Umgebung“, scherzt die Hobbyimkerin.

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„Das Arbeiten von und mit der Natur und ihren Produkten empfinde ich als unheimlich erfüllend und inspirierend. Aber natürlich hole ich mir auch viele Anregungen aus dem Bereich Social Media. Das bilderbasierte Netzwerk ,Pinterest‘ ist da mein absoluter Favorit“, verrät sie. Beim Verabschieden wird es ganz klar: Die hauswirtschaftliche Ausbildung ist ihr eine wichtige Stütze. Ina Harbeck lebt ihren Traum und ist von der Klischee-Kittelschürze ganz weit entfernt.

Eure Deichdeern.

Öffnungszeiten:
Di-Fr:   09:30 – 18:00 Uhr
Sa:      10:00 – 14:00 Uhr

Adresse:
Hofladen „Feld und Flur“
Dorfstraße 19
25782 Hövede
http://www.feld-und-flur.de
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Home is where your Herd is

aufmacher_vonderschulbankinslehrerzimmer„Guten Morgen und herzlich Willkommen in meiner zweiten Heimat“, begrüßt mich eine freundliche Stimme am Eingang der Fachschule für Hauswirtschaft in Hademarschen, Kreis Rendsburg-Eckernförde. Es ist Dorthe Reimers. Die 28-jährige, große blonde Frau schreitet flotten Schrittes den langen, schmalen Schulkorridor entlang. Sie blickt zu mir nach hinten und sagt: „Wir sind heute in der Lehrküche. Das Menü wurde bereits besprochen und wir beginnen gleich mit dem Kochen. Es gibt Seelachsfilet Müllerin Art. Was das genau ist, zeige ich am besten gleich.“ Kurz vor dem Abbiegen in die Küche streift sich Dorthe mit einem gekonnten Handgriff das Haarnetz über. Sie trommelt die kochwütigen Schülerinnen zusammen und zeigt in der vordersten Kochkoje, worauf es beim Fisch zubereiten ankommt. Vor genau 12 Jahren stand sie selbst das erste Mal in dieser Küche – damals noch als Unterklassenschülerin.

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Dass ihre Zukunft mal in der Küche stattfinden würde, wusste Dorthe bereits mit sieben Jahren. Als ihre Eltern einmal kurz das Haus verließen, ermahnten sie ihre Tochter, sie solle wieder keine Eier für ihre Backexperimente verschwenden. „Die Herausforderung habe ich natürlich angenommen und einen Teig aus Mehl, Rasierschaum und ein bisschen Salz gezaubert. Die Masse habe ich dann zum „backen“ auf der Heizung im Wohnzimmer verstrichen. Als meine Eltern zuhause eintrafen, präsentierte ich stolz „mein Brot“. Ich bekam großen Ärger, den ich nicht nachvollziehen konnte. Schließlich hatte ich keine Eier verschwendet“, resümiert die ehemalige Pellkartoffelkönigin und „Erfinderin der Kartoffelpralinen“. Spätestens danach hatte keiner mehr Zweifel an ihrem Berufswunsch Hauswirtschaft. Ein paar Jahre und ein Realschulabschluss später besuchte die damals 16-Jährige dann endlich die Fachschule für Hauswirtschaft im ländlichen Raum. Das Besondere an der Schule: Die einjährige Internatszeit wird gleichzeitig als erstes Lehrjahr anerkannt. „Ich hab das ganze Wissen, das mir hier vermittelt wurde aufsogen wie ein Schwamm“, betont sie. „Für mein zweites Lehrjahr zog es mich nach Sommerland im südlichen Kreis Steinburg. Auf dem landwirtschaftlichen Betrieb arbeitete sie im Haushalt und unterstütze tatkräftig bei den Melkzeiten. „Wer ein Jahr im Mädcheninternat übersteht, den schreckt so schnell kein Kuhstall ab“, sagt sie mit einem Schmunzeln auf den Lippen. Für das dritte Lehrjahr zog es Dorthe in einen Privathaushalt. „Für mich eine ganz besondere Zeit, und wenn man so möchte ein kleiner dunkler Fleck in meinem Lebenslauf, denn kurz vor Ende der Ausbildung wechselte ich auf eigenen Wunsch zurück nach Sommerland, um dort die Ausbildung zu beenden.“ Sie wirft einen Blick über ihre Schulter und beobachtet ihre Schülerinnen beim Zubereiten. „Im Nachhinein betrachtet, kam mir diese Erfahrung, die ich damals mit dem Lehrstellenwechsel gemacht habe, zu Gute, denn ich werde immer noch von teils ehemaligen Schülern nach Rat gefragt, wenn es um dieses sensible Thema geht.“

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Zum Ende des dritten Lehrjahres gewann die gebürtige Hohenasperin den Berufswettbewerb, der von der Landjugend ausgerichtet wird, in der Kategorie Hauswirtschaft. Auf Bundesebene schaffte sie es sogar unter die Top Fünf. Wie sich erst im Nachhinein herausstellte, war dieser Wettbewerb der Grundstein für Dorthes spätere Landjugendkarriere. „Man lernte tolle Leute kennen und plötzlich, eh man sich versah, war ich mit im Landesvorstand“, fügt sie hinzu.

Nach der Ausbildung folgte die Rückkehr nach Hademarschen. Dieses Mal als Oberklassenschülerin. Das Jahr verging im Fluge und Dorthe fühlte sich bestens vorbereitet für das Berufsleben. Sie wusste bloß nicht auf welchen Beruf genau. Ihre Unentschlossenheit zog sie für neun Monate auf einen Milchviehbetrieb nach Kanada. „Ich hatte die naive Hoffnung, dass mir dort einfällt, was ich machen soll. Es kam aber keine Erkenntnis. Auch nicht am Abflugstag“, zeigt sie sich einsichtig. „Ich fing also an mich überall vorzustellen: Hotels, Großküchenleitung, Altenheime, aber immer fehlte das gewisse Etwas.“ Dann kam der Anruf von Gudrun Krey, langjährige Lehrerin an der Landfrauenschule. Sie suche nach tatkräftiger Unterstützung für die Grüne Woche, da sie zu wenig Blaumeisen für Berlin hatte. Dorthe willigte ein und „flog“ das zweite Mal unter schleswig-holsteinischer Flagge in die ehemalige CMA-Halle. „Beim „Trinkgeldessen“ mit den Blaumeisen gab mir Frau Krey dann den Wink, ich solle doch mal eine Bewerbung einreichen, da die Schule eine hauswirtschaftliche Betriebsleitung suche.“ Und da war er. Der Job nach dem Dorthe gesucht hatte auf dem Serviertablett. „Alles dabei: Spannung, Spiel und was zum Naschen“, scherzt sie. Sie bekam die Stelle und es folgten sechs Jahre als hauswirtschaftliche Betriebsleiterin im Internat. Der geringe Altersunterschied zu den Schülerinnen war nie ein Problem. „Im Gegenteil, denn ich bin sehr dicht an den Themen dran, die die Mädchen (und die paar Jungs) gerade bewegen.“

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Ein Zwischenruf aus der zweiten Koje hallt durch die Küche: „Frau Reimers, was machen wir mit dem Rest Ei von den Kirschtaschen für den Nachtisch?“ „Einen Moment bitte“, sie steht kurz auf, dreht sich in Richtung Schülerin und erwidert in die Runde: „Bitte einfach die Taschen mit dem restlichen Ei bestreichen. Das gibt einen tollen Glanz.“ Und setzt sich wieder. „So, und jetzt möchte man sicherlich wissen, wie ich an die Fachlehrerstelle kam?“ und schießt die Antwort gleich hinterher: „Viele unserer Kollegen gehen dieses und kommendes Jahr in Rente. Frau Krey ging bereits diesen Sommer, zwei weitere werden zum Sommer 2017 in Pension gehen. So ergab sich ein Fachlehrermangel und um es weiterhin zu gewährleisten, die angemeldeten Schüler im kommenden Jahr zu beschulen, war es wichtig eine Fachlehrerstelle dafür zu schaffen.“ Im Gegensatz zu Studienräten, die nach dem Studium ins Referendariat übergehen, ist es bei Fachlehrern so, dass ihre Stelle „geplant“ sein muss. Also nur, wenn konkreter Bedarf geäußert wird, darf eine Fachlehrerreferendariatsstelle ausgeschrieben werden. „Das wiederum hat den Vorteil, dass ich nach dem Referendariat einen Arbeitsplatz an der Schule sicher habe“, schlussfolgert die engagierte Vollblut-Hauswirtschafterin. Ihre Lehrerausbildung erfolgt über das BerufsBildungsZentrum am Nord-Ostsee-Kanal, der Mutterschule der Fachschule für Hauswirtschaft. Montags unterrichtet sie in Hademarschen, donnerstags in Rendsburg am BBZ. Den Rest der Arbeitswoche verbringt sie mit pädagogischen Weiterbildungen und Schulbesuchen von Mitreferendaren. 

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Dorthe blickt auf die Uhr und erinnert ihre Köchinnen zeitnah ihren Tisch vorzubereiten. Während sie weiter über ihre Vita erzählt, beobachtet sie zeitgleich jeden Schritt, der in den zwölf Kojen geschieht. Multitasking par excellence. Am Ende versammeln sich Service- und Kochschülerinnen um den großen Tisch. Die Schülerinnen wiederholen, worauf es bei „den drei S“ (Säubern- Säuern- Salzen) ankommt und was mit Seelachsfilet „Müllerin Art“ (mehlierter Fisch mit Salz-Petersilienkartoffeln und Zitronenbutter) gemeint ist. Mein Blick schweift ab auf ein Zitat, dass ich auf einem Notizblock sehe: „Home is where your Herd is“ steht darauf geschrieben. Jetzt verstehe ich, was sie eingangs mit ihrer zweiten Heimat bei der Begrüßung meinte. Dann hält Dorthe die Tür zum großen Speisesaal auf und lädt mit einer einladenden Handbewegung ein, sich zu Tisch zu begeben. „Darf ich in mein großes Esszimmer einladen?“

Eure Deichdeern.

 

 

 

„Waschbretter gehören höchstens an den Strand“

Kurz vor Fehmarn, wo die Sonne den Horizont küsst, lebt und arbeitet Wiebke Schlichting im ostholsteinischen Heiligenhafen. Die gelernte Hauswirtschafterin und gebürtige Oldensworterin hat auf ihrem Weg an die Ostsee allerdings ein paar Umwege über Australien und London genommen, bevor sie vor Kurzem hier Fuß fasste.

Eine junge Deern in lässigen Blue Jeans, T-Shirt und Birkenstocks ruft durch die Lobby des Heiligenhafener Hotels Bretterbude: „Moin! Häs good her vuun?“ Es ist Wiebke Schlichting. Die 28-Jährige ist laut korrekter Berufsbezeichnung „Head of Housekeeping“, ein neudeutscher Begriff für eine Hausdame, die für mehrere Hotels zuständig ist. In ihrem Fall für die neue „Bretterbude“, das im Dezember eröffnende „Beach Motel 2“ sowie die dazugehörigen Beach Motel Appartements. „Willst du ein paar Zimmer sehen und ich erzähl ein bisschen was?“ fragt sie rhetorisch und geht flotten Schrittes vor.

 

Im ersten Zimmer angekommen, nimmt sie Platz in einer alten Zinkwanne, die als Schaukelstuhl upgecycelt wurde. Auf Nachfrage, ob sie während ihrer Ausbildung zur Hauswirtschafterin einmal mit einem solchen Behältnis konfrontiert worden sei, lacht sie laut auf. „Um Gottes Willen, nein. Die Hauswirtschaft ist moderner als ihr Ruf. Waschbretter gehören höchstens an den Strand, aber nicht an einen Arbeitsplatz in der heutigen Zeit“, weiß die Eiderstedterin, die nach dem Realschulabschluss an die Landfrauenschule nach Hanerau-Hademarschen wechselte. Wie sie auf die Lehre gekommen sei? „Durch meine Oma. Wir waren gemeinsam in der Küche beim Abwasch und sie sagte, ich solle das mal lernen. So als Basis wäre das nie verkehrt. Die Alternative wäre irgendwas mit Tieren gewesen.“ Wiebke berichtet über ihre Erlebnisse und das damit verbundene Lebensgefühl, wie es war auf einem Milchviehbetrieb aufzuwachsen. „Ich habe es geliebt mit meinem Vater und meiner Mutter draußen die Tiere zu versorgen. Auch heute noch. Wenn ich zuhause bin, helfe ich gerne im Stall und melke mit meiner Mutter eine Runde mit.“ Sie blickt aus dem Fenster. „Bald ist Mais fahren. Dieses Jahr schaffe ich es hoffentlich mal wieder eine Runde mit zu fahren bei meinem Papa oder meinem Bruder Martin. Die letzten Jahre war ich ja nie hier.“

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Falte im Kissen? Fehlanzeige bei Wiebke.

Nach dem Besuch der Unterklasse in Hademarschen verbrachte die damals 17-Jährige ihr zweites Lehrjahr im nordfriesischen Immenstedt auf dem landwirtschaftlichen Betrieb der Familie Thießen. Das dritte Ausbildungsjahr folgte im benachbarten Kreis Dithmarschen, genauer gesagt in Hemme, bei Familie Lange. „Schweinestall, Melken, Haushalt – die Jahre auf den Höfen waren intensiv, aber vor allem schön und der Spaß kam nie zu kurz.“ Danach ging es für die leidenschaftliche Ringreiterin wieder nach Hademarschen. Dieses Mal stand der Besuch der Oberklasse an. Neben den Highlights wie Norla und Grüne Woche, erinnert sich die „Blaumeise“ gerne an die Bereichsleitungen im Service und in der Großküche. „Strukturiert arbeiten konnte ich. In der Oberklasse bekam ich noch den letzen Schliff verpasst, insbesondere im sicheren Auftreten vor Gruppen und im Unterweisen und Anleiten von Anderen. Ich profitiere bis heute davon täglich“, versichert sie.

Im Anschluss an die Landfrauenschule fand die frischgebackene hauswirtschaftliche Betriebsleiterin eine Anstellung als Hausdamenassistentin in einem St.Peter-Ordinger Hotel. „Alles lief super bis meine Mutter das Bauernblatt aufschlug und mir eine Stellenanzeige hinlegte. Eine Familien aus Angeln suchte eine Hauswirtschafterin, die sich um den Haushalt sowie um die sechs Kinder kümmern sollte. Arbeitsort: Kununarra/Australien.“ Ich kündigte nach knapp drei Jahren meinen Job in St. Peter Ording und fand mich kurz darauf in Down Under wieder.“ Dort verbrachte die Nordfriesin insgesamt zweieinhalb Jahre. „Erst sechs Monate auf dem Betrieb und dann bin ich noch zwei Monate gereist. Als das Geld knapper wurde und ich mein Visum verlängern wollte, zog es mich nach Tasmanien zum Melken.“ Sie lernte Patrick kennen, einem Iren, der sich ebenfalls als Backpacker etwas dazuverdienen wollte. Mit ihm zog sie weiter ins australische Adelaide. Hier verbrachten beide die restliche Zeit ihres Auslandserlebnisses.

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Nach ihrer Wiederkehr im Frühjahr 2013 folgte eine Anstellung als Hausdame im Beach Motel in St. Peter Ording. Freund Patrick ging derweil nach London, um dort zu arbeiten. Nach einem knappen Jahr Fernbeziehung entschied sich Wiebke in die Metropole nachzuziehen. „Ein Job war schnell gefunden. Mit einer soliden Ausbildung wie der Hauswirtschaft, bist du sehr gefragt auf dem britischen Arbeitsmarkt,“ verrät sie. Eine Anstellung als Assistentin des Finanzdirektors bei Lidl UK folgte, in der sie bis Mai diesen Jahres arbeitete. „Quereinsteiger, wie ich es war, bekommen dort viel leichter eine Chance sich zu behaupten. Das war mein Vorteil.“ Heute, als Housekeeping-Chefin des über 600-Betten-Komplexes, muss sie selbst Vorstellungsgespräche führen und Personal einstellen. Dabei zehrt sie von ihren Auslandserfahrungen und berücksichtigt zum Beispiel gerne Seiteneinsteiger bei der Wahl ihrer acht Assistenten.

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Das Handy klingelt. Es ist ihr Freund Patrick, mit dem sie seit Eröffnung der „Bretterbude“ nun wieder eine Fernbeziehung führt. „Das ist aber kein Problem“, schmunzelt die Weltenbummlerin. „Die Flugzeit von Hamburg nach London ist kürzer als die Fahrt von Ostholstein nach Eiderstedt. Beim Rausgehen aus dem Zimmer dreht Wiebke noch einmal um und hebt das Kopfkissen des Hotelbettes sanft an, um drunter zu schauen. „Sorry, kleine Gewohnheit. Gelernt ist eben gelernt“, sagt sie augenzwinkernd.

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Die Erstveröffentlichung dieses Textes erschien am 8. Oktober 2016 im Bauernblatt Schleswig-Holstein.

Frikadellenpuff oder Traumfrauenschmiede

Hauswirtschaft – das kann man lernen?! Und einen Meister kann man auch noch machen? Dann wärst du Meister im Kochen, Waschen und Putzen? Hahaha.“ – Ich merke, wie mir das imaginäre Klappmesser in der Hose aufspringt. Sage, aber nichts. Hab ich so gelernt in der Ausbildung. Kritische Kunden gibt es immer. Dumme auch.

So oder so ähnlich läuft ein Gespräch ab, wenn man erzählt, dass man eine hauswirtschatfliche Ausbildung genossen hat. Liebe Leute, auch ich habe ein Jahr an der Fachschule für Hauswirtschaft im ländlichen Raum verbracht und, wenn ich ehrlich bin, nie wieder in einem Jahr gelernt so viel gelernt, wie dort. Klar, kann ich kochen, putzen und waschen. Ich hab aber auch gelernt, wie man eine Großküche leitet, als Hausdame in einem renomierten Hotel agiert oder mein eigenes Café in der Großstadt oder auf dem Land gründe und es – im Gegensatz zu manchen Hipstern – erfolgreich leite.

Natürlich könnte ich auch zuhause bleiben und meinem Mann die Puschen reichen, aber für alle, die es vergessen haben ein kurzer Reminder: Wir leben im Jahr #2016. Come on. Ich bin 29, Mutter und verheiratet. Das ist Fakt. Ich habe aber auch einen Job. Entschuldigung. Klar, das haben andere auch. Bei mir ist das aber so: Wenn ich spontan (mit Ankündigung kann jeder) Besuch bekommen, muss ich keine „KRASS, ich glaub hier wurde eingebrochen“-Show abziehen. Der eine findet das spießig, dass wir gute Gastgeber sind, ich find’s geil. Orga ist halt mein Ding. Jeder nach seiner Façon. In diesem Sinne würde ich die Landfrauenschule in Hademarschen nicht als Frikadellenpuff bezeichnen, sondern als Traumfrauenschmiede. Denkt mal drüber nach 😉img_0361

Und weil mir das Thema Hauswirtschaft so am Herzen liegt, werdet ihr bald ein paar „Paradebeispiele“-Posts dazu lesen über Frauen, die ne starke hauswirtschaftliche Karriere hingelegt haben – ohne Kittelschürze.

So, ich werd jetzt erstmal die Küche aufräumen und Wäsche waschen. Achne, ist ja schon alles fertig. Dann halt einfach die Füße hochpacken, Wohnzeitschriften lesen und mir dazu einen old school Eierkaffee machen. In diesem Sinne, einen schönen zweiten Sonntag.