Tschüss, Kittelschürze!

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Freitagnachmittag in Hövede im Kreis Dithmarschen. Bei der Fahrt durch die friedliche 70-Seelen-Gemeinde fällt ein weißes Banner ins Auge. „Feld und Flur“ steht in fetten Lettern geschrieben, und ein großzügiger Pfeil nach rechts weist den Weg. Hinter dem klangvollen Namen verbirgt sich der Hofladen von Ina Harbeck. Die 30-jährige Hauswirtschafterin hat den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt und betreibt seit Anfang dieses Jahres ihr eigenes kleines Unternehmen.

„Während der Realschulzeit war mir schnell klar, dass ich ländliche Hauswirtschaft lernen möchte“, verrät die Dithmarscherin. „Für mich ist das Vielfalt pur. Welcher Beruf ist so abwechslungsreich?“, fragt sie und schießt die Antwort gleich hinterher: „Mir fällt keiner ein. Okay, Landwirtschaft vielleicht“, sagt sie schmunzelnd und wirft einen Blick über ihre Schulter gen Kuhstall. Ihr erstes Lehrjahr absolviert die damals 16-Jährige an der Landfrauenschule, einer Fachschule für ländliche Hauswirtschaft, in Hanerau-Hademarschen. Für das zweite verschlug es sie zu Familie Schoof nach Hedwigenkoog.

Das dritte Ausbildungsjahr verbrachte Harbeck bei Familie Frahm-Hagemann in Groß Rheide. „Beides sind tolle Familien, bei denen ich viel gelernt habe“, berichtet sie mit stolzer Stimme und sortiert dabei die ersten Roten Beten des Jahres in ihr Hofladensortiment. Kaum war die Ausbildung abgeschlossen, zog es die frischgebackene Hauswirtschafterin erneut nach Hademarschen. Ein Jahr Oberklasse mit dem Schwerpunkt Vermarktung und Tourismus stand auf der Agenda. „Ein anstrengendes Jahr, aber all die Mühe und der Fleiß zahlten sich am Ende aus“, resümiert sie die Zeit. Es folgten drei erfahrungsreiche Monate in Kanada auf einer Apfelfarm. Die „Betriebsleiterin im ländlichen Raum“ backte Apple Pies für den Hofladen im Akkord. Nach der Wiederkehr folgte eine Festanstellung als hauswirtschaftliche Betriebsleiterin im Niels-Stensen-Haus in Hamburg.

Auf Nachfrage, ob es bereits in der Ausbildung für sie klar war, dass sie sich in Richtung Direktvermarkung orientieren würde, wird sie ganz still, hält einen Moment inne und berichtet von dem plötzlichen Tod ihres Vaters. „Mein Bruder war zu dem Zeitpunkt 18 und noch in der Ausbildung zum Landmaschinenmechatroniker. Er wollte den Betrieb weiterführen, aber erst nach einer zweiten, landwirtschaftlichen Ausbildung. So entschied ich mich, meinen Job in der Hansestadt zu kündigen, und ging nach Hause.“

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Genau in diesem Moment betritt ein Mann mit schwarzer Sonnenbrille, kurzer Hose und staubigen Boots den Hofladen. Ein melodisches „Hello“ ertönt im Raum. Es ist Ian, Inas Partner. Sie und der 39-jährige Australier haben sich vor ein paar Jahren auf dem Volksfest im benachbarten Tellingstedt kennengelernt. „Wo auch sonst?“, sagt sie und lächelt ihm zu. „Ian unterstützt uns auf dem Hof und im Hofladen ungemein. Es schadet nie, einen Zimmermeister auf dem Hof zu haben.“ Ihre Finger deuten auf die hölzerne Hollywoodschaukel vor dem Hofladen. Im kommenden Jahr ist ihr Bruder mit der Ausbildung fertig. Dann wird er die Arbeit auf dem Höveder Milchviehbetrieb übernehmen, und Ina wird sich nach und nach ausschließlich ihrem Hofladen widmen.

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Auf Nachfrage, wer ihr bei der Planung und der Konzeptionierung geholfen habe, verweist die junge Frau erneut auf die Ausbildung. „Insbesondere das Fach ,Vermarktung und Tourismus‘ hat mir sehr dabei geholfen, meinen Traum Wirklichkeit werden zu lassen. Von der Konzeption bis zur Preisgestaltung, ich hab alle Unterlagen wieder rausgeholt und konnte einfach loslegen.“ Bei der Umsetzung des Businessplanes für den Existenzgründungsantrag erhielt sie Unterstützung von einem befreundeten Dozentenpaar von der Fachhochschule Heide. Ein weiterer wichtiger Erfolgsfaktor für ihr Angehen ist ihre Entschlossenheit. „Ich wusste genau, was ich dem Kunden anbieten möchte. Regionalität hat bei mir oberste Priorität“, fährt sie fort und lädt zum kleinen Rundgang ein. Die erste Station führt in den alten Apfelgarten. „Das Geld liegt doch auf dem Boden.“ Ihre Hand deutet gen Grund. „Man braucht es nur aufzusammeln.“ Neben den eigenen Birnen, Pflaumen und Kirschen verarbeitet sie die Äpfel zu Köstlichkeiten für ihren Hofladen: Kuchen im Glas, Eingelegtes, Marmeladen oder besondere Öle zieren ihre rustikalen Regale.

Für die Zubereitung hat sie die alte Küche als Gewerbeküche umfunktioniert und angemeldet. Die Dithmarscher Frohnatur packt sich einen Korb und geht erneut in den Hofladen. Besonders stolz ist die passionierte Jägerin auf ihren Kühltresen: Rehsalami, Wildgulasch oder die hauseigenen Fleckviehkreuzungen finden ihren Platz in der Kühlung. „Wir schlachten im Nachbarort Delve. Ich lege großen Wert darauf, dabei zu sein.“ Auch hier kann sie wieder auf ihre Ausbildungsinhalte zurückgreifen und ist geübt im Abpacken und Etikettieren von Fleischerzeugnissen. Zum Abschluss der kleinen Führung macht Harbeck halt vor ihren Bienenkästen. „Sechs Bienenvölker habe ich von meinem Vater. Mittlerweile sind es sieben. Das macht mich mit Abstand zum größten Tierhalter in der Umgebung“, scherzt die Hobbyimkerin.

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„Das Arbeiten von und mit der Natur und ihren Produkten empfinde ich als unheimlich erfüllend und inspirierend. Aber natürlich hole ich mir auch viele Anregungen aus dem Bereich Social Media. Das bilderbasierte Netzwerk ,Pinterest‘ ist da mein absoluter Favorit“, verrät sie. Beim Verabschieden wird es ganz klar: Die hauswirtschaftliche Ausbildung ist ihr eine wichtige Stütze. Ina Harbeck lebt ihren Traum und ist von der Klischee-Kittelschürze ganz weit entfernt.

Eure Deichdeern.

Öffnungszeiten:
Di-Fr:   09:30 – 18:00 Uhr
Sa:      10:00 – 14:00 Uhr

Adresse:
Hofladen „Feld und Flur“
Dorfstraße 19
25782 Hövede
http://www.feld-und-flur.de
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