Wie ich meine alte Liebe >Plattdeutsch< in Paraguay wieder fand

Mit der plattdeutschen Sprache ist das wie mit der Ernährung…jeder hält seine Weise für die Richtige. Doch ist das wirklich so? Oftmals nehmen sich die Menschen ziemlich viel raus und „verbieten“ anderen ein anderes Platt zu sprechen als das ihre. Glaubt ihr nicht? Ich erzähle euch jetzt, wie das bei mir war.

Es ist 1991 irgendwo mitten im Kreis Steinburg (in Schleswig-Holstein heißt es nur Kreis, nicht Landkreis – hab ich aber auch erst im Studium gelernt. Hah!). Die vierjährige Julia, in diesem Haus – und NUR in diesem Haus Jule genannt – sitzt auf dem kratzigen „Borsten-Sofa“ bei Oma und Opa. Beide unterhielten sich immer durchweg plattdeutsch. Mein Papa sagte immer, Opa könne kein Hochdeutsch. „Oh Gott, der Arme“, dachte ich als Kind und habe es wie ein Geheimnis für mich behalten. Ich dachte, das sei etwas „über das man nicht spricht“ und habe so jedes mal, wenn ich bei ihm war mit ihm plattdeutsch gesprochen. Ging ja auch nicht anders, sonst würde er mich ja auch garnicht verstehen. So zumindest die Logik einer Vierjährigen. Hah!

Mein Opa lernte mit mir die Zahlen. Een, twei, dreei, veer, fief, sös, söben, ach, negen, tein, ölben un so wieder,… Wi sabbelten över dat Fernsehprogramm, de Noborshop un na kloar de Landwirtschaft. Als ich dann etwas größer wurde und ich meinen Sprachschatz dank meines persönlichen Coaches weiter ausgebaut hatte, wollte ich mit meiner Zweisprachigkeit die Welt erobern. Erste Handlungsstätte sollte das heimische Büro, also der Landhandel, sein. Im Alter von acht Jahren war es soweit. Die Premiere und Denière zugleich. Ein Altbauer im lässigen Büttenwarder-Chic* betrat den Raum (*Büttenwarder-Chic= Hut, Cordbüx, blauer Kittel) Sein Auftrag: Kuhschrot holen. „Ick schall dreei Tonnen Achteeindreeier häm.“ -Ich erwiderte: „Allns kloar, witt ick bescheeid“. Er schaute mich mit großen Augen an: „Ach, schnack de junge Deern heer ook platt? Dat wüss ick joar goarnie.“ – Joar, meist een beten, affer bloß mit mien Grotöllern. To huus sabbelt wi hochdüütsch. Bis dahin alles schickilacki. Mein Selbstbewusstsein schwebte über mir und hielt die Hand zum High-Five hoch.

Doch dann kam der Satz, der mich bis heute prägt.

Der Altbauer beugt sich nach vorne zu mir und sagte: „Wittst du wat, Deern? Mit dem Plattdüütschen is dat sünne Sach. Wenn du dat nie künnst, dann loot dat man leever noch. Dat mach keiner häm, wenn du dat nie richtig schnacken künnst. Dat maakt de Lüüt sofort.“

Zack – und da war dieser Moment. Der Moment, in dem ich verunsichert wurde. Jedes Mal, wenn ich mit meinem Opa plattdeutsch sprach, wurde ich unsicherer und es wurde weniger und weniger bis ich es irgendwann ganz aufgegeben hatte. Die Jahre gingen ins Land und ich meistere meine Jugend und meine Zeit an der Landfrauenschule nach dem Credo: „Hauptsache ich kriege mit, wenn mich jemand auf platt verarscht.“

Erst im Studium – und dann auch noch ausgerechnet im Auslandssemester in PARAGUAY, holte mich meine plattdeutsche Vergangenheit wieder ein. Dort, wo ich am wenigesten damit gerechnet hatte. Kurz zum Hintergrund: Ich war auf einem Milchviehbetrieb in Casilla Dos, ca. eine Autostunde vom Dreiländereck Brasilien-Argentinien, Paraguay, entfernt. Dort habe ich alles gemacht, was so auf einem Milchviehbetrieb anfällt. Melken, füttern, diesdas. Meine Spanischkenntnisse waren bis auf ein paar Ballermann-Gassenhauer nicht vorhanden und Englisch konnte dort eh keine Sau. Es ging also mit Händen und Füßen voran. Zumindest solange, bis ich das erste Mal einen Supermarkt betrat. „La Germania“ komischer Name für nen Supermarkt. Hah. Ich Dussel. Das Nachbardorf Tres Palmas entpuppte sich als Mennoniten-Hochburg. Plattdietsch, so wie die sagen, ist ihre Nationalsprache. Das ist ja irre.

Mennoniten, das sind evangelische Freikirchler, die ursprünglich aus dem holländischen Friesland stammt. Sie wurden vor allem zwischen 1715 und 1815 in Europa verfolgt, was zur Folge hatte, das sie auswanderten. So also auch nach Südamerika. Neben ihrem Glauben und ihren Werten nahmen sie die plattdietsche Sprache mit rüber und etablierten sie, neben der Amtssprache der Paraguayer, Guaranì, dort. Es gibt plattdietsche Hotels, Supermärkte, Schulen und natürlich Kirchengemeinden. Komm scheiß drauf, wenn du hier was willst, dann musst du dich wohl auf deine Wurzeln besinnen und den staubigen Plattdeutschwortschatz wieder ausgraben. Ich brauchte so ein, zwei Wochen, um mich wieder einzugrooven, und siehe da – ich wurde verstanden. Welch ein Erfolgserlebnis! Ein längst verlorengeglaubte Fähigkeit war wieder dort.

Mit dem guten Gefühl im Gepäck reiste ich wieder nach Europa. Hin zu meinem Opa auf sein kratziges, borstiges Sofa und berichtete ihm von meinem Abenteuer. Op platt. Er war meist verwundert, aber auch sehr seelig. Seitdem spreche ich wieder plattdeutsch mit ihm und zwar ausschließlich. Er mag das sehr. Das ist unsere Sprache und die kann uns keiner nehmen.

Wisst ihr, mit dem Plattdeutschen ist das wie mit der Ernährung. Jeder hält seine Art und Weise für das Richtige. Die Wahrheit ist aber, es gibt kein richtig oder falsch. Man macht es nur anders als der andere.

Hartlige Gröte,
de Deichdeern

(un joar, ick witt, datt dat Diekdeern heeten müsst 😉 ).

Und weil ich euch natürlich auch Bilder zeigen möchte: Bitteschön!

4 Gedanken zu „Wie ich meine alte Liebe >Plattdeutsch< in Paraguay wieder fand

  1. kunstecht sagt:

    Ja ich finde es auch super wenn der Dialekt gepflegt wird ich spreche auch sehr Dialekt wohne im Bayerischen Unterfranken an der hessischen Grenze jetzt spreche ich kein bayrisch kein unterfränkisch sondern habe eher den hessischen Einschlag – und wenn isch versuch Hochdeutsch zu babbele hörd sisch des oh wie verschdelld -.
    Meine Kinder sprechen auch kein platt wenn es bayrisch oder fränkisch wäre fänd ich es ja noch schön. Aber unser Dialekt ist auch jetzt nicht so hörenswert. eine bekannte will demnächst jetzt wegen meiner Kunst auch ein kleines Videointerview mit mir machen da habe ich auch schon gesagt das muss dann mit Untertitel sein sonst verstehts keiner *höhöhö*. Wie hältst du es mit deinem Lütten? Sprichst du mit ihm Dialekt oder willst dass er es lernt?

  2. Elisa sagt:

    Hey, super Bericht. Das zeigt mal wieder, dass Plattdeutsch ganz tief in den Leuten drin ist und einfach von Herzen kommt. Ich spreche leider nur Hochdeutsch 🙁
    Aber mich würde auch mal interessieren, wie Du es mit Deinem Kurzen hältst, versteht oder spricht er Platt?

    • deichdeern sagt:

      Naja, er ist 1,5 😬Ich spreche es nicht mit ihm. Das gesamte Dorf aber. Und in der Kita hätte ich anfangs auch drum gebeten. Die haben das angeboten.

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