Pflanzensteckbrief: Multitalent Zuckerrübe

Zucker: Kennen und verwenden wir fast alle. Häufig sogar täglich. Aber wo kommt unser Zucker, den wir im Supermarkt kaufen, eigentlich her? Ganz einfach gesagt – aus der Zuckerrübe. Und diese Pflanze ist tatsächlich ein wahres Multitalent. Was es mit ihr auf sich hat, seit wann es die Zuckerrübe bei uns in Deutschland gibt und zu was sie sich neben Zucker noch verarbeiten lässt, haben wir für euch zusammengetragen.

Fangen wir mit den Basics an: Die Zuckerrübe gehört zur Familie der Gänsefußgewächse und ist eine zweijährige Pflanze. Sie liebt nährstoffreiche, tiefgründige Böden und sonniges Binnenlandklima. Nach der Aussaat, in der sogenannten vegetativen Phase, bildet sie den Rübenkörper, das -blatt und die zwei Meter langen Faserwurzeln. Die Rübe ist eine Sommerfrucht, sie wird im Frühjahr gepflanzt und benötigt etwa 7 Monate zum Wachsen. In ihrem Körper speichert die Rübe Kohlenhydrate in Form von Saccharose, also Zucker. Im zweiten Jahr, der generativen Phase, blüht die Rübe und bildet Samen aus. In Deutschland werden Zuckerrüben allerdings fast ausschließlich einjährig zur Zuckergewinnung angebaut. Der Anbau zur Samengewinnung erfolgt in klimatisch dafür günstigeren Gebieten.

In nur wenigen Monaten wächst das kleinen Samenkorn zu einer dicken Zuckerrübe heran. GIF: Anne Merat

Aus einem Kilogramm Rübe gewinnt man etwa 170 Gramm Zucker. Der Zuckergehalt liegt zwischen 15 und 20 Prozent – je nach Sorte, Witterung und Standort. Diese Menge ist ein großer Züchtungserfolg. Die Ursprungsform – die Runkelrübe – verfügte über einen Zuckergehalt von lediglich 1,6 Prozent. Diesen entdeckte der Berliner Chemiker Andreas Sigismund Marggraf: Er stellte im Jahr 1747 fest, dass der Zucker aus Zuckerohr und der aus der heimischen Runkelrübe, die damals ausschließlich als Viehfutter angebaut wurde, chemisch identisch sind und beide Saccharose enthalten. Das war für die Europäer von großer Bedeutung, denn bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts war Zucker ein rares und kostbares Süßungsmittel, das allein aus dem in Übersee angebauten Zuckerrohr gewonnen wurde. Durch die Entdeckung wurde das Lebensmittel für die breite Bevölkerung zugänglich und Europa unabhängig von Importen.

Vom Luxusprodukt zum Volksnahrungsmittel

Marggrafs Schüler Franz Carl Achard war es dann, der eine Technik zum Extrahieren des Zuckers aus der Rübe entwickelte. Außerdem züchtete er die Rübe auf einen Zuckergehalt von 4 Prozent. 1801 wurde die erste Zuckerfabrik im schlesischen Cunern eröffnet. In der Folge wurde die Zuckerrübe zum Hauptzuckerlieferanten in Europa und ab Mitte des 19. Jahrhunderts für die breite Masse erschwinglich. So wandelte sich Zucker von einem Luxusprodukt schrittweise zum Volksnahrungsmittel.
Heute gibt es 18 Zuckerfabriken in Deutschland, in denen 5.100 Menschen beschäftigt sind. Sie werden mit den angebauten Zuckerrüben von knapp 24.000 Landwirt:innen beliefert. In ganz Europa sind etwa 80.000 Arbeitnehmer:innen in der Zuckerindustrie beschäftigt.

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Kommen wir aber noch einmal zurück zur Zuckerrübenpflanze und ihren besonderen Eigenschaften. Ab September beginnt die Ernte. Durch den späten Erntezeitpunkt ist die Wachstumsperiode sehr lang und die Pflanzen können die Sonneneinstrahlung noch bis in den Spätherbst verwerten. Zusätzlich können Zuckerrüben Wasser sehr effizient nutzen: Zur Bildung von einem Kilo Trockenmasse benötigen sie deutlich weniger Wasser als viele andere in Mitteleuropa angebaute Kulturpflanzen. Außerdem kann das in der Rübe gespeicherte Wasser während der Verarbeitung in der Fabrik wiederverwendet werden – etwa für die Wäsche oder das Auskochen. Denn da Zuckerrüben zu rund 75 Prozent aus Wasser bestehen, das während der Produktion aufgefangen und im gesamten Prozess genutzt wird, muss fast kein Frischwasser verwendet werden.

Die Wurzeln der Zuckerrübe werden bis zu zwei Meter lang.


Tatsächlich schont der Zuckerrübenanbau im Vergleich zu anderen Kulturen nicht nur das Grundwasser, sondern schützt es auch. Denn die Pflanze ist durch ihre langen Wurzeln dazu in der Lage, den im Boden gebundenen Stickstoff optimal aufzunehmen. Dadurch liegt der Restnitratgehalt im Boden um mehr als 50 Prozent niedriger als bei anderen Pflanzen.

Ein nachhaltiges Multitalent

Ein weiterer Vorteil der Zuckerrübe ist, dass sie komplett verarbeitet wird – es entsteht bei der Produktion von Zucker kein Abfall. Denn aus den Rüben werden nicht nur Zucker, sondern viele weitere Produkte wie Tierfutter, Düngemittel oder sogar Bioethanol hergestellt. Auf diese Weise schont die Zuckerrübe unsere natürlichen Ressourcen und schützt die Umwelt.


Apropos Umwelt: Wusstet ihr, dass der Zucker in der Rübe durch Fotosynthese entsteht? Die Pflanze wandelt Sonnenlicht, Wasser und Kohlendioxid, also CO2, in Zucker um und speichert ihn. Daneben produziert ein Hektar Zuckerrüben knapp 20 Millionen Liter Sauerstoff – so viel, wie 90 Menschen in einem Jahr benötigen. Außerdem sind Zuckerrübenfelder für verschiedene Vogelarten ein sicherer Lebensraum. Wie schon erwähnt, beginnt die Zuckerrübenernte erst spät und sie wachsen sehr niedrig. Dadurch bieten ihre Blätter manchen selten gewordenen Vogelarten – etwa der Trappe oder Kiebitzen und Feldlerchen – einen langen Schutz in der Brutphase. Und die klein gehäckselten Pflanzenreste, unter anderem 99 Prozent der Rübenblätter, die nach der Ernte auf dem Feld liegen bleiben, dienen Vögeln und Insekten bis in den Winter hinein als Nahrung.

Auch für den Boden selbst sind die Pflanzenreste sehr wertvoll. Sie sind ein natürlicher Gründünger. Die in ihnen enthaltenen Nährstoffe wie Stickstoff, Phosphor und Kalium kommen in der Fruchtfolge den anderen Pflanzen zugute. Und da Zuckerrüben keine Wirtspflanzen für Getreideschädlinge und -krankheiten sind, kann ihr Anbau dabei helfen, dass in den Folgekulturen weniger Pflanzenschutzmittel eingesetzt werden müssen.

Eine echt facettenreiche Pflanze, diese Zuckerrübe – findet ihr nicht auch? Wenn ihr noch mehr wissen möchtet, schaut unbedingt auf den Seiten der Zuckerverbände vorbei. Dort findet ihr viele weitere Infos rund um Zucker und die Rübe selbst. Oder schickt uns eure Fragen an moin@deichdeern.com.

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