Da kommen wir ins Schwärmen

Saisonal und regionalen einkaufen? Das geht bei den Marktschwärmern. Hier kaufen Verbraucher:innen online direkt von den Hersteller:innen und holen die Produkte dann einmal in der Woche an einem Verteilungsort ab. Wir stellen euch das Konzept genauer vor.

Keine Frage: Saisonal und regional einzukaufen und das zu einem für die Erzeuger:innen fairen Preis, ist nicht immer ganz leicht. In den Supermärkten wird das regionale Angebot zum Glück zwar immer größer und auf den Wochenmärkten bieten viele Produzent:innen selbst ihre Ware an, aber häufig stecken doch noch Zwischhändler:innen in der Kette mit drin. Oder man greift aus Gewohnheit zu einem Produkt, das in dem Moment nicht unbedingt Saison hat.

Digitaler Bauernmarkt

Dass das irgendwie anders gehen muss, dachten sich 2011 die beiden Franzosen Guilhem Chéron und Marc-David Choukroun. Guilhem war zu dem Zeitpunkt als Selbstständiger in der Catering-Branche tätig und beschäftigte sich mit alternativen Vertriebsmodellen. Marc-David hatte einige Jahre zuvor seine eigene Webagentur gegründet. Gemeinsam entwickelten sie ihre Idee von einem modernen, digitalen Bauernmarkt. „La Ruche qui dit Oui“, wie die Marktschwärmer in Frankreich heißen, war geboren. Das Ganze funktioniert folgendermaßen: Verbraucher:innen kaufen online direkt von den Erzeuger:innen und können die saisonalen und regionalen Produkte dann einmal in der Woche an einem Verteilungsort (in Deutschland Schwärmerei genannt) abholen. Diese Abholorte können in völlig verschiedenen Lokalitäten beheimatet sein: Von Kirchen über Schulen, Kneipen und Sportvereinen bis hin zu Bauernhöfen ist alles dabei.
Die Produzent:innen legen den Verkaufspreis der Produkte selbst fest, weil sie am besten wissen, was ihre Arbeit und ihre Waren wert sind. Vom Nettoumsatz geht eine Servicegebühr in Höhe von 18,35 % ab. Einen Anteil davon erhält die lokale Schwärmerei, den anderen das Marktschwärmer-Team. Beim wöchentlichen Abholtermin findet ein Austausch zwischen Verbraucher:innen und Erzeuger:innen statt.

Die online gekauften Produkte holen sich die Marktschwärmer-Kund:innen beim Abholtermin an den Ständen der Erzeuger:innen ab. So entsteht ein direkter Kontakt. Fotos (5): Marktschwärmer

Start in Deutschland

In diesem Herbst feiert das französische Netzwerk bereits seinen 10. Geburtstag. 2014 beschlossen die beiden Gründer ihr auf lokaler Ebene angelegtes Konzept in anderen europäischen Ländern zu etablieren. Sie wagten den Schritt nach Spanien, Italien, Belgien und Deutschland.
Unter dem Namen „Food Assembly“ startete der Verbund in Deutschland in einem kleinen Berliner Büro mit drei Mitarbeitern. Die ersten Verteilungsstandorte wurden in der Hauptstadt und in Köln eröffnet. Seitdem verbreitet sich die Idee im ganzen Bundesgebiet. „Es wird einfacher, wenn es in einer Region, in der wir neu sind, engagierte Gastgeber:innen gibt. Die motivieren dann oft andere, auch eine Schwärmerei zu eröffnen“, erklärt Laura, die Teil des Teams ist, das von Berlin aus das deutsche Netzwerk koordiniert.

Regionale Wertschöpfung

2017 gab es eine Namensänderung – aus „Food Assembly“ wurden die „Marktschwärmer“. Der Grundgedanke ist derselbe geblieben: „Wir möchten Konsument:innen und Lebensmittelerzeuger:innen zusammenbringen, ein Bewusstsein für die regionale Wertschöpfung schaffen und eine faire Preisbildung ermöglichen“, fasst Laura das Konzept zusammen. Die Arbeit des Teams in Berlin umfasst den Support von Kund:innen, Erzeuger:innen und Gastgeber:innen bei technischen Problemen auf der Website oder bei der Registrierung. Außerdem bieten Laura und ihre Kolleg:innen Workshops und Trainings an, sie kümmern sich um die Entwicklung des Netzwerks und Themen, die es umtreibt. Daneben gibt es regelmäßige Newsletter und einen informativen Blog mit verschiedensten Themen rund um regionale Produkte, Rezepte und Zero Waste-Tipps.

Die Aquise von Erzeuger:innen und Kund:innen übernehmen die Schwärmereien selbst. Bei uns im Norden im Kreis Plön gibt es auf dem Koppelsberg direkt am Großen Plöner See eine von mittlerweile fast 150 in ganz Deutschland. Im September 2019 haben Wiebke, Inga, Martin, Denise und Jan-‍​Peter ihre Schwärmerei eröffnet. Auf die Idee sind sie zufällig gekommen, erinnert sich Wiebke: „Wir wollten ein Modellprojekt zu gesunder Ernährung mit regionalen Produkten für junge Menschen starten. Bei der Recherche sind wir auf die Marktschwärmer gestoßen.“ Da die Schwärmerei im Rahmen der Jugendaufbauwerk Plön-Koppelsberg gGmbH gegründet wurde, die dem Jugendpfarramt der Evangelisch Lutherischen Kirche in Norddeutschland zugehörig ist, waren einige strukturelle Klärungen notwendig. Deshalb dauerte der Gründungsprozess etwas länger, als an anderen Standorten. „Von der Idee bis zum Start waren es etwa zwei Jahre“, erzählt Wiebke.

Orte der Begegnung

Das Besondere an der Schwärmerei auf dem Koppelsberg: Alle Einnahmen, die durch die Gastgebertätigkeit erzielt werden, werden für einen Außenarbeitsplatz des Jugendaufbauwerks für einen Menschen mit Behinderung verwendet. „Grundsätzlich möchten wir mit unserer Schwärmerei kleine Erzeuger:innen unterstützen und für sie einen weiteren Absatzmarkt schaffen. Außerdem möchten wir ein Ort der Begnungen sein.“ Durch die Pandemie sei das alles aktuell sehr eingeschränkt. Wiebke und das Team hoffen aber, dass „es bald wieder möglich sein wird, mit den Erzeuger:innen kleine Workshops zu geben und Feste wie Erntedank zu feiern.“
In der Schwärmerei auf dem Koppelsberg gibt es – wie an allen anderen Standorten – ein Grundsortiment, das immer angeboten werden muss. Das sind Eier, Backwaren, Fleisch, Obst und Gemüse, Käse und andere Milchprodukte, wie Laura aufzählt. „Deutschlandweit sind Eier das beliebteste Produkt“, weiß sie und muss lachen: „Nur ab und an werden sie vom Spargel abgelöst.“

Wie funktioniert es genau bei den Marktschwärmern? Dieses Video zeigt’s im Schnelldurchlauf!

Zukunftspläne

Neben dem Grundsortiment sind die Schwärmereien frei in der Auswahl ihrer regionalen Produzent:innen. Laura nennt nur wenige Grundsätze: „Die Betriebe, die ihre Produkte bei uns verkaufen, sollten inhabergeführt sein und klein bis mittelgroß. Außerdem sollten sie keine industrialisierten Prozesse anwenden.“ Für die Erzeuger:innen sind die Schwärmereien ein zusätzlicher Absatzmarkt. Zudem bieten sie Planungssicherheit – denn es muss, anders als auf einem Wochenmarkt, nur das produziert werden, was zuvor online gekauft wurde.
Für die Zukunft haben Laura und ihre Teamkolleg:innen in Berlin bereits viele Pläne: „Wir möchten das Netzwerk nachhaltig stärken. Zum Beispiel möchten wir weitere Dienste anbieten, um noch mehr Menschen zu erreichen.“ Dafür sind vermehrt Lieferdienste und Abholpunkte in Planung. So können auch Interessent:innen Mitglied in einer Schwärmerei werden, die beim wöchentlichen Abholtermin keine Zeit haben. Laura fügt noch hinzu: „Und natürlich möchten wir die Lücken auf der Landkarte füllen und dafür viele neue Schwärmereien auf dem Weg zur Eröffnung begleiten.“

Neugierig geworden? Hier gibt’s weitere Infos:

  • Du möchtest regionale Produkte bei den Marktschwärmern kaufen? Hier kannst du eine Schwärmerei in deiner Nähe finden.
  • Wenn du Erzeuger:in bist und deine Produkte über die Marktschwärmer verkaufen möchtest, kannst du dich hier informieren.
  • Vielleicht hast du sogar Lust, selbst Gastgeber:in zu werden und eine Schwärmerei zu eröffnen? Dann erhältst du hier weitere Infos.

Ich bin übrigens selbst Kundin in der Schwärmerei auf dem Koppelsberg. Mit einer Freundin wechsle ich mich beim wöchentlichen Abholtermin ab: In der einen Woche fährt sie, in der nächsten bin ich dran. Die Qualität der Produkte ist wirklich gut und wir freuen uns, dass wir mit unserem Einkauf kleine Produzent:innen unterstützen. Nach jedem Onlinekauf wird mir in einer Übersicht angezeigt, welcher Betrag direkt an die Erzeuger:innen geht. Und wie viele Kilometer meine Produkte durchschnittlich bis zur Verteilung zurückgelegt haben. Das finde ich jedes Mal wieder spannend.
Und ganz nebenbei werde ich bei jeder Bestellung daran erinnert, welche Produkte gerade Saison haben. Im vergangenen Winter habe ich so zum Beispiel Winterpostelein für mich entdeckt. Ein richtig leckerer Salat, der bei uns wächst und mir vorher irgendwie noch nie über den Weg gelaufen ist. Für die kalte Jahreszeit eine super Vitamin-C-Quelle! Es lohnt sich also auf jeden Fall, die nächste Schwärmerei in eurer Nähe zu suchen und den digitalen Bauernmarkt zu testen. Vielleicht schwärmt ihr dann ja auch bald! Eure Anne

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